Wenn man die erst kürzlich erschienene Brahms-Einspielung des Belcea Quartetts noch im Ohr hat, wirkt die Interpreta­tion des Kuss Quartetts mitunter wie ein Kontrastprogramm. Der dritte Satz aus dem B-Dur-Quartett etwa kommt hier aus einer ganz anderen Welt. Mit ihrem weichen Klang und dem gemäßigten Tempo nehmen der Bratscher William Coleman und seine Kuss-Kollegen das „Agitato“ erstaunlich relaxt – dagegen drängt Krzysz­tof Chorzelski den Satz bei den Belceas entschieden voran.

Genau umgekehrt sind die Rollen im eröffnenden Allegro verteilt, mit dessen 6/8-Thema Johannes Brahms auf Mozarts Jagd-Quartett anspielt. Dort scheint das Belcea Quartett mit seinem gelassenen Ton eine Art ironische Distanz zur Jagd-Motivik anzudeuten, während das Kuss Quartett forsch drauflos reitet. Auch im Andante schlagen die Ensembles verschiedene Wege ein: Corina Belcea singt das herrliche cantabile-Thema als eine Linie und mit dunkler Farbe; Jana Kuss hebt dagegen sehr geschmackvoll die Spitzentöne in den Phrasen ein wenig hervor und formt einen helleren Ton. Das Kuss Quartett verbindet Brahms mit dem zweiten Streichquartett von Arnold Schönberg. Auch da drängt sich ein Vergleich auf – in diesem Fall zur jüngst veröffentlichten Einspielung des Amaryllis Quartetts. Der vielleicht markanteste Unterschied betrifft die Auswahl der Sängerin für die Sopranpartie im dritten und vierten Satz. Gegenüber dem warm flutenden Timbre von Katharina Persicke klingt Mojca Erdmann beim Kuss Quartett „sopraniger“ und schmiegt sich deshalb noch enger an den Geigenklang an; außerdem passt ihre hellere Färbung wie gemalt zum ätherischen Klima des Textes „Ich fühle Luft von anderem Planeten“ im Finale. In den ekstatischen Steigerungswellen des dritten Satzes neigt Erdmann allerdings zu einem metallischen Vibrato, das auch in die eigentlich sehr schönen Liedbearbeitungen am Ende des Programms mitunter eine unpassende Schärfe bringt.

Marcus Stäbler