Von geschwisterlicher Zuneigung ist in Musiker-Biografien häufig die Rede (so beispielsweise im Falle „Nannerl“ und Wolfgang Amadeus Mozart). Kaum jedoch wird sie derart durch kompositorische „Konkurrenz“ geprägt wie im Falle der Mendelssohns. Fanny (verheiratete Hensel) hatte nachhaltige Karrierepläne und empfand bei aller euphorischen Sympathie für Felix den Einfluss ihres ungleich berühmteren Bruders durchaus als „dämonisch“. Als Musiker ging Felix die kompositorische Zielstrebigkeit Fannys in der Tat contre coeur, er reagierte regelrecht unterdrückend, was mit Blick auf den emanzipationsfeindlichen Zeitgeist freilich entschuldbar sein mag.

An diese Situation erinnert eine reizvolle Lied-CD von Felicitas und Judith Erb, welche sämtliche Duett-Kompositionen der Mendelssohn-Geschwister kombiniert, inklusive Fannys eigenwilligen A-cappella-Beiträgen. Dass bei solcher Gelegenheit friedvolle Terz- und Sextintervalle dominieren (welche freilich auch bei klavierbegleiteten Liedern häufig zur Anwendung kommen), kann nicht verwundern. Ohnehin macht sich fast überall (auch bei Felix) ein gewisser Salon-Ton breit.

Da fällt Fannys „Verschiedene Trauer“ extrem aus dem Rahmen: melancholische Äußerungen als Sologesang, zuletzt aber Stimmenverbund mit Kombination der Klagetexte zweier Liebender. Hochinteressant auch die Gegenüberstellung des von Fanny wie auch von Felix vertonten Heine-Gedichts „Wasserfahrt“. Hier finden beide einen individuellen Tonfall.

Von Doriana Tchakarova an einem historischen Pleyel-Hammerflügel zuverlässig begleitet, singen die Schwestern Erb mit hervorragend synchronisierter Sensibilität. Wer die lichte Oberstimme, wer den dunkler sekundierenden Gesang innehat, vermag man beim Hören nicht verbindlich zu erschließen. Da müsste man schon zurückliegende Solo-CDs zu Rate ziehen.

Christoph Zimmermann