Aleatoric: Songs for Solstice - Aki Rissanen, Robin Vergheyen, Markku Ounaskari

Wenn der Kontrabass im Piano-Trio mal durch ein Saxofon ersetzt wird, ändert sich vieles. Ein „hochmusikalischer und passionierter Pianist“ (Dave Liebman) wie der Finne Aki Rissanen (Jahrgang 1980) ist dadurch gefordert, radikal umzudenken. Dem Schlagzeug fallen neue melodische Möglichkeiten zu. Der Belgier Robin Verheyen, ein passionierter junger Tenor- und Sopransaxofonist, hat fast alle Stücke für die Sonnenwende geschrieben. Die Kraft in der Verkleinerung: einfache Basiselemente wie die ruhige Pendelbewegung in „Insomnia“ generieren komplexe Formen. Wie Kinder, die wie im Traum über Trittsteine im Fluss hüpfen – glücklich am anderen Ufer, verfallen sie in einen wilden Gesang.

Die Vielartigkeit der Formen ist das eine, der Sinn für subtile Dramatik und Abstraktion das andere. Ein Höhepunkt des Albums ist die Ballade „Riverly/Reflections“, die in eine freie Meditation über Scriabins Prélude op. 13 Nr. 1 mündet. Durch das Fehlen des Kontrabasses klingt alles noch transparenter; geschickt spielen die Musiker mit diesen Freiräumen. In einem Solo-Feature für den erstaunlichen Markku Ounaskari bringt dieser uns in „Celestial Spheres“; wie in einem Hochgeschwindigkeitszug geht es von Finnland bis ins alte Japan und zurück. „Bird Vision“ aus der Feder des Pianisten, der mal bei John Taylor in Köln studierte, bleibt über weite Strecken einem hitzigen Schlagzeug/Sopransaxofon-Duett überlassen. Bis Rissanen am präparierten Klavier eingreift, weiter beschleunigt, einen Sog entwickelnd wie ein Strudel.

Aleatoric haben einen Deal mit dem Zufall, alles ineinander Gewobene scheint einem unsichtbaren Plan zu folgen. „Songs for Solstice“ ist mit knapp über 40 Minuten rasch vorbei, aber in der relativ kurzen Zeit passiert eine ganze Menge.

Karl Lippegaus