August Wenzinger | Telemann: Tafelmusik

Zu den Schallplattenpionieren der Alten Musik, die langsam in Vergessenheit geraten, gehört August Wenzinger (1905-96). Er war einer der Ersten, die die Gambe nicht wie ein Cello, sondern mit Bünden und ohne Stachel sowie mit untergriffiger Bogenhaltung spielten. Bereits in den 1930er-Jahren nahm er für Rundfunk und Schallplatte Barockmusik mit historischen Instrumenten auf, wovon es heute auf Youtube ein bemerkenswertes Zeugnis gibt (Suchbegriffe: Erlebach, Wenzinger). Seit 1934 war Wenzinger Lehrer an der neu gegründeten Schola Cantorum Basiliensis, ab 1954 baute er beim damaligen NWDR die Cappella Coloniensis als erstes großes Orchester auf, das auf alten Instrumenten spielte. Mit der Cappella, vor allem aber mit der Konzertgruppe der Schola Cantorum Basiliensis nahm er zahlreiche Schallplatten für die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon auf, darunter auch populäre Orchesterwerke von Bach, Händel und Telemann.

Wenzingers Stärken lagen in einer klugen, konsequent aus den Quellen abgeleiteten Tempowahl und einer ungemein sachkundigen Gestaltung von Verzierungen. Andererseits war er nie so provokant und rechthaberisch wie Nikolaus Harnoncourt, und seiner Neigung zu expressivem Legato folgte er auf Kosten der Brillanz und des Aplombs. Deswegen galt er schon in den 1970er-Jahren als altmodisch, wenngleich intelligente Musiker wie Jordi Savall nie müde wurden, seine hohe Bedeutung für die Geschichte der Alte-Musik-Bewegung deutlich herauszustellen.

Die erste Gesamteinspielung von Telemanns „Tafelmusik“ wurde seinerzeit mit dem Edison Award und dem Grand Prix du Disque ausgezeichnet. Ihre Wiederveröffentlichung weckt schöne Erinnerungen und enthält zudem einen Begleittext, der sie sehr klug in einen weiten interpretationsgeschichtlichen Kontext einordnet und einen aufschlussreichen Einblick in die damalige (sehr kontroverse) Diskussion der Schallplattenkritik gibt.

Matthias Hengelbrock