Jukka-Pekka Saraste | Strawinsky: Le Rossignol

Strawinskys Œuvre erweist sich als geradezu unerschöpflich; und so gut es auch diskografisch erschlossen scheint, sind gewisse Bereiche allzu sehr vernachlässigt geblieben: sein Spätwerk etwa oder auch sein frühes Schaffen, darunter die kurze Oper „Le Rossignol“ nach Andersens Märchen „Die Nachtigall“, ein unter Komponisten beliebtes Sujet. Immerhin hat Strawinsky seine Opernmusik auch zu einer Art sinfonischen Dichtung umgestaltet, die sie bekannt machte.

Strawinskys Musik zu dieser Oper, die er 1908 zu komponieren begann, antizipiert unmittelbar diejenige zu „Der Feuervogel“; und für die Komposition dieses Balletts unterbrach er auch die Arbeit an der Oper, die er dann erst 1914 vollendete, nachdem er mit dem „Sacre“ seine Kompositionstechnik denkbar schroff weiterentwickelt hatte. Diese geradezu epochale Entwicklung vom „Feuervogel“ zum „Sacre“ spiegelt die Musik der Oper faszinierend wider. Das macht es schwer, interpretatorisch einen überzeugenden Zugang zu ihr zu finden. Zudem hatte Strawinsky die Dirigenten darauf verpflichtet, seine Musik nur nüchtern wiederzugeben, aber nicht eingreifend zu „interpretieren“.

Saraste hält sich an diesen Wunsch Strawinskys und bietet, unterstützt vom sehr präsenten WDR Sinfonieorchester, eine akkurate, wohlgegliederte, sehr stimmige Lesart. Und mit der äußerst sinnvollen Wahl der „Pribaoutki“ sowie der beiden Verlaine-Lieder erweist er bestes Gespür für die stilistische Weite der Musik, die Strawinsky damals komponierte. Freilich fehlt ein wenig der interpretatorische Sinn für das kunstvoll „Gewollte“ dieser Musik, für das Atmosphärische. Und Mojca Erdmann singt die schwere Partie der Nachtigall gewiss makellos rein, aber ihre Stimme wiegt etwas zu schwer, gewissermaßen zu „menschlich“: Man hört einen Koloratur-Sopran, aber keine Nachtigall – es fehlt die märchenhafte Verzauberung.

Giselher Schubert