Höhe der Zeit

Bislang hätte ich nicht eine Sekunde gezögert, angesichts der Frage nach meinem bevorzugten Instrument für Bachs Klavierkonzerte dem Cembalo den uneingeschränkten Vorzug einzuräumen. Die Gründe dafür sind vielfältig und vor allem klanglicher und stilistischer Natur. Mit der vorliegenden Produktion ist dieses festgefügte Weltbild gehörig ins Wanken geraten: Der 1973 geborene Pianist Yorck Kronenberg fegt alle Zweifel vom Tisch, was die Darstellbarkeit Bach’scher Klaviermusik auf einem modernen Flügel betrifft. Er spielt ausgesprochen trocken und – wenn überhaupt – unter minimalem Einsatz des rechten Pedals. Stilistisch ist er vollends auf der Höhe der Zeit, was sich keineswegs nur in seiner Art zu artikulieren und zu phrasieren äußert, sondern vor allem auch im Umgang mit den Verzierungen. Schon seine Interpretation der „Goldberg-Variationen“ hatte davon beredtes Zeugnis abgelegt. Wenn er in der Cembalo-Version des vierten „Brandenburgischen Konzerts“ trotz allem auf den Kielflügel zurückgreift, dann ist das dem klanglich authentischen Dialog mit den beiden Blockflöten geschuldet. Hier hört man allerdings keinen Cembalo spielenden Pianisten, was in der Frühzeit der Cembalo-Renaissance zu manch furchterregendem Ergebnis geführt hatte, wenn ein solcher dem Instrument wenig mehr als Nähmaschinen-Motorik zu entlocken verstand. Hier ist es umgekehrt. Kronenberg entwickelt sein Bach-Spiel auf dem Bösendorfer am Klangideal des historischen Tasteninstruments und hält beispielsweise die Dynamik in einem Rahmen, der jederzeit eine vom Komponisten intendierte Integration des Soloinstruments in den Orchesterapparat ohne aufnahmetechnische Hilfestellung möglich macht. Das Zürcher Kammerorchester, das Kronenberg vom Klavier aus leitet, ist für seine Bach-Sicht der ideale Partner. Auch bei diesem Klangkörper haben die aufführungspraktischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte ihre Spuren hinterlassen, so dass diese Einspielung der sieben Bach’schen Klavierkonzerte als Vorzeigeproduktion neben den Hochglanz-Editionen des historisch informierten Lagers mühelos bestehen kann.

Arnd Richter