Tausendsassa

Es braucht mitunter nur zwei Klaviertöne, um einen Raum abzustecken, ein modales Aktionsfeld, in dem sich rhythmische Volten abspielen. Aber dieses Beharren, dieser unerbittlich flirrende Puls kann über Minuten gehen, ja, leicht moduliert ein ganzes Stück („Hood“) ausmachen. Das ist eben das Besondere am Vijay Iyer Trio, das sich so von anderen Spitzenformationen absetzt: Vom Keith Jarrett Trio, dem Brad Mehldau Trio, die oft erzählerischer sind, melodischer, vielleicht auch konservativer. „Hood“ jedenfalls ist eine Hommage an den Detroiter Minimal Techno-Produzent und DJ Robert Hood, dessen Musik Iyer bewundert. Wegen ihrer rhythmischen Überschneidungen, wegen des elektronischen Sounds. Ein musikalischer Referenzpunkt, den Iyer am Flügel, Stephan Crump am Bass und Marcus Gilmore am Schlagzeug mir nichts dir nichts in einen akustischen Rahmen versetzen.

Ahmad Jamal, Andrew Hill, Duke Ellington, aber gleich dahinter James Browns Rhythmsection, Hendrix’ Band of Gypsys oder Soul-Music aus den 1970ern – alles Einflüsse, zu denen sich Iyer bekennt. Es ist überhaupt ein Wunder, dass die neue CD „Break Stuff“ keineswegs stilistisch zerfällt, sondern einen Raum öffnet, den diese Formation passgenau ausfüllt.

Hörbar nähert sich Iyer Gottvater Thelonious Monk, indem er sich in „Work“ bis in die Handhaltung und Fingerstellung des genialen Autodidakten hineindenkt. „Countdown“ hingegen zeitigt ein Coltrane-gefärbtes Duo zwischen Iyer und Drummer Gilmore, der hier wie Ed Blackwell agiert, leichtfüßig, irregulär und doch ungeheuer pointiert. Schließlich endet das Album romantisch, ja, schwärmerisch mit einer schönen Trio-Ballade. Iyer definiert seine eigene Kategorie. Mit diesem Tausendsassa jedenfalls ist weiterhin ganz vorn zu rechnen!

Tilman Urbach