Vielleicht täuscht das Gefühl, dass Cembalo-Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen im Moment ganz besonders Konjunktur haben. Denn das kompositorische und spieltechnische Niveau von Bachs „4. Teil der Clavier-Übung“ hat die Tastenvirtuosen schon immer gereizt. Es ist wohl einfach ein Glücksfall, dass dieses Jahr in kurzer Folge drei Aufnahmen erschienen sind, die das Hören durchweg lohnen, denn es glückt den Spielern, dem Zyklus jeweils einen eigenen Aspekt abzugewinnen.

Dem Klangreichtum von Mahan Esfahanis Aufnahme (Deutsche Grammophon, siehe FONO FORUM 10/2016) tritt mit der Einspielung durch Alexander Puliaev eine Aufnahme an die Seite, die nicht nur mit ebenbürtiger Tastenvirtuosität überzeugt. Auch Puliaev, ausgebildet in Moskau und Amsterdam und heute Hochschullehrer in Wuppertal, nutzt die Möglichkeiten, den Cembaloklang sinnvoll zu modulieren, zur Gliederung und Abwechslung; doch verfährt er dabei zurückhaltender und steuert mehr zur Mitte, als Extreme auszuloten.

Im Zentrum seiner Interpretation liegen vielmehr Tempo- und Rhythmusgestaltung. In beidem strahlt seine Einspielung große Verlässlichkeit aus: Die von ihm gewählten Tempi hören sich einfach genau richtig an, exakt passend zum rhythmischen Charakter der jeweiligen Variation; und bei aller unerschütterlichen Virtuosität in der Ausführung – etwa in der Sprung- und Trillervariation 14 oder in den Akkordtrillern der Variation 29 – bleibt noch immer Raum zum Atmen. Bachs Clavier-Parnass gewinnt so eine beglückende Klarheit und wird, auch dank der angenehm transparenten Aufnahme, zu einem puren Hörvergnügen – ein Divertimento im besten Sinn, zugleich eines auf Gipfelniveau. Puliaev benutzt den Nachbau eines zweimanualigen Cembalos von Michael Mietke, bei dem der Köthener Hofkapellmeister Bach selber 1717 ein Cembalo bestellte und es 1718 aus der Berliner Werkstatt abholte.

Friedrich Sprondel