Zu Beginn der Saison 2016/17 übernahm Daniele Gatti in Nachfolge von Mariss Jansons den Posten des Chefdirigenten beim Concergebouworkest Amsterdam. Die vorliegende CD markiert den Beginn der neuen Ära, und es mag symbolisch anmuten, dass sie einem Werk gewidmet ist, dessen Einspielung mit Colin Davis und demselben Orchester zu den Referenzen zählt. Bei der Lektüre des Interviews mit Daniele Gatti im Beiheft könnten sich hohe Erwartungen einstellen: Der Dirigent betont das Zukunftsweisende von Berlioz’ Partitur und deren geradezu bühnenhafte Dramatik: „Man ist gewissermaßen Theaterregisseur, man muss das Drama ausgewogen gestalten, sodass das Publikum mitgerissen wird.“ Dieser Anspruch wird hingegen nicht erfüllt – nicht einmal ansatzweise.

Am besten funktioniert noch der zweite Satz, nicht zuletzt aufgrund der kammermusikalisch reduzierten Instrumentierung, die für Transparenz und tänzerischen Schwung sorgt. Im Rest der (live aufgenommenen) Einspielung ist allerdings so gar nichts von jenem Mut zum Risiko – und auch zur Hässlichkeit – zu spüren, den man als Interpret aufbringen muss, um die „Symphonie fantastique“ in all ihrer Leidenschaftlichkeit und Grellheit zum Leben zu erwecken. Die allmählich aufkeimende Unruhe im Kopfsatz ist kaum vernehmbar; dafür zieht Gatti das Motto-Thema manieristisch in die Länge. Spannung fehlt auch in der „Szene auf dem Lande“, der Effekt des herannahenden Gewitters, dem Gatti attestiert, dass es „wie Varèse“ klingen müsste, verpufft vollkommen. Und wer wissen möchte, wie bedrohlich der „Gang zum Hochgericht“ klingen kann, der höre die erwähnte Aufnahme mit Davis (Philips).

Ein Teil des Problems liegt sicherlich im zwar warmen, aber entfernten und zu wenig transparenten Klangbild begründet, aber insgesamt geht Gatti viel zu sehr auf Nummer sicher, um in diesem Extremwerk zu überzeugen.

Thomas Schulz