Die beiden Hauptwerke auf dieser CD lassen den Hörer in Sehnsucht nach den guten alten Zeiten der k. u. k. Monarchie schwelgen. Zemlinsky schrieb sein e-Moll-Quartett zirka 1893, als er etwa 22 Jahre alt und noch entfernt von seinem reifen, an die Zweite Wiener Schule angelehnten Stil war. Dieses frühe Werk lässt vielmehr die slowakischen Ursprünge des Komponisten deutlich hörbar werden, vor allem in den schwungvollen Rhythmen des Scherzos und der seufzenden Melodik des Andantes, die von den streng geformten Ecksätzen umrahmt sind. Als das Stück vom Wiener Tonkünstlerverein abgelehnt wurde, zog Zemlinsky es zurück: Es sollte erst gut 100 Jahre später uraufgeführt werden, und zwar durch das Artis-Quartett, das es hier mit wunderbarer Klarheit und sinnlichem Klang vorträgt.

Kreislers Streichquartett ist das anspruchsvollste Werk eines Komponisten, der hauptsächlich für seine wienerischen Schmonzetten bekannt ist. Es wurde kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geschrieben – Kreisler diente in der österreichischen Armee und wurde an der Ostfront verwundet – und stellt eine Elegie für eine verschwundene Welt dar. Nach der Einleitung, die „mit ritterlichem Pathos“ und „ungestüm“ vorzutragen ist, folgt ein Hauptteil von wiegendem, tröstendem Gestus; die anderen Sätze sind eindrucksvolle Charakterstücke.

Die Latte wurde für diese Komposi­tion besonders hoch gelegt, denn Kreisler selbst hat sie 1935 auf unnachahmlich stimmungsvolle Weise aufgenommen (am Cello saß übrigens Nigel Kennedys Großvater!). Bis auf einen etwas atemlosen Hauptsatz fängt das Artis-Quartett die vergängliche Atmosphäre der Komposition mit fein abgestimmtem, „wienerischem“ Portamento ein. Die fünf Stücke von Erwin Schulhoff bilden den perfekten Schluss für dieses Programm: Sie sind Zerrbilder althergebrachter Formen und gehören eindeutig einer neuen Ära an.

Carlos María Solare