Baurzhan Anderzhanov | Rossini: Bianca E Falliero

Die schönste Arie der ganzen Oper ist die des Offiziers Falliero „Alma, ben mio“, der Venedig vor den Spaniern gerettet hat. Er selbst ist nun angeklagt, weil er im Palast des spanischen Botschafters aufgegriffen wurde. Dorthin ist er von seiner Geliebten Bianca geflohen, weil deren Vater herannahte. In dieser Arie tröstet er sich im Glauben an die Treue Biancas. Falliero ist eine Mezzosopran-Partie, und sein zierlicher Gesang wird von den Girlanden eines Flötensolos umgarnt. Victoria Yarovaya zeigt eine Weichheit und emotionale Intensität, dass man nicht glaubt, einen Offizier vor sich zu haben.

In der folgenden Szene muss er erkennen, dass Bianca von ihrem Vater zwangsverheiratet wurde. Der sängerische Ausdruck dafür sind Koloraturketten, unter denen die Stimme auf virtuose Weise dramatisch zittert. Da es sich um eine Live-Aufnahme handelt, geraten Victoria Yarovaya nicht alle Stellen so überzeugend wie diese. Das gilt auch für die Sopranistin Cinzia Forte als Bianca. Sie beherrscht die Belcanto-Koloraturen zwar, ihr Timbre mutet aber etwas rau an. Der Vater Contareno ist eine merkwürdige Gestalt: Er kann poltern, drohen und weinerlich flehen. In seiner Arie „Pensa che omai resistere“ tut dies Kenneth Tarver mit seinem biegsamen Tenor einschmeichelnd und zwielichtig zugleich.

Rossinis Oper „Bianca e Falliero“ ist formal ein interessantes Zwitterwesen: Zwar herrscht überall der neapolitanische Ziergesang vor, gleichzeitig ist es eine Ensemble­oper, denn das waren die Anforderungen der Mailänder Scala, an der das Stück 1819 uraufgeführt wurde. Im Finale des zweiten Akts stürmt die Musik turbulent dahin, souverän gesteuert von Antonino Fogliani mit den vom ersten Takt an brillant spielenden Virtuosi Brunensis, dem bewährten Orchester der Rossini-Festspiele Bad Wildbad, die seit Jahren unermüdlich den unbekannten Rossini erkunden.

Richard Lorber