Als origineller Bach-Interpret hat der junge Martin Stadtfeld vor allem im deutschsprachigen Raum Aufsehen erregt, auch wenn seine individuelle Sichtweise von der Kritik nicht nur Lob erntete. Von Bach aus eroberte er sich auch die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. Seine Einspielung von Mozart-Konzerten unter der Leitung von Ivor Bolton hat vor allem durch Stadtfelds magisch-fremdartige Kadenzen gezeigt, dass er sich nicht mit dem bloßen Spielen der Musik zufriedengibt, sondern ein Suchender ist, einer, der sich als aktiver, kreativ Gestaltender sieht.

Daher überrascht es nicht, dass der 36-Jährige auch bei seiner Darstellung der beiden Etüden-Zyklen von Frédéric Chopin einen völlig neuen Weg einschlägt. Dass Stadtfelds Spiel nicht das eines Chopin-Spielers sui generis vom Schlage Maurizio Pollinis oder Jan Lisieckis ist, bedarf  dabei kaum der Erwähnung. Er hat etwas ganz anderes im Sinn: Mit klar strukturierter Linienführung und gebremster Emphase zeigt er Parallelen zu Bach auf und setzt vor einzelne Etüden oder Etüdengruppen eigene Kommentare in Form von Improvisationen.

Statt der brillanten Verve und der romantischen Energie, die man mit den gebrochenen Akkordgirlanden der C-Dur-Etüde beim Auflegen der CD zunächst erwartet, wird der Hörer von einem langsamen choralartigen Klanggebilde überrascht, dessen meditative Sphäre sich allmählich ins Nichts aufzulösen scheint und damit die Aufmerksamkeit auf die völlig neu zu hörende Chopin-Etüde lenkt.
Seine insgesamt zehn eingestreuten Improvisationen von meist reflektierend-getragenem Charakter – den Chopin’schen Kosmos mal empathisch vorbereitend, mal irritierend kontrastierend – gleichen ästhetischen Appellen, die uns auffordern, uns auch altbekannten Werken mit sensibler Wahrnehmung zu widmen, statt sie uns, unseren Konsumgewohnheiten folgend, unreflektiert einzuverleiben.

Frank Siebert