„Man muss mit gepacktem Koffer lieben ...“ Der Aphorismus des Philosophen Friedrich Theodor Vischer passt wie ein Handschuh auf den russisch-schweizerischen Komponisten Paul Juon (1872-1940). Zum einen auf den in Moskau geborenen Vielgereisten, der in jüngeren Jahren vor allem zwischen seiner Geburtsstadt, Berlin und Baku pendelte und später in der Schweiz, dem Land seiner Väter (der Großvater war aus dem Bündnerland nach Russland gekommen), seine Bleibe fand.

Zum anderen auf den sanften Don Juan, der nach eigenem Bekennen zwar Geige und vor allem Musiktheorie studierte, mehr aber noch Mädchenaugen und -herzen. Weswegen er im Studium auch „nur sehr bedenkliche Fortschritte“ gemacht habe.

Folgerichtig zeigt sich die schweizerische Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling auf dem Cover ihres Albums mit Liedern Paul Juons ebenfalls mit gepackten Koffern vor einer nostalgischen alten Dampflok. Nostalgisch sind auch die auf dieser CD präsentierten Lieder, tragen sie doch eine heimelige Tradition des 19. Jahrhunderts mit sich, wenden sich entschieden gegen den „kalten Intellektualismus“ etwa eines Schönberg (so der Komponist in seiner Autobiografie).

Es sind bezaubernde Kameen, farbenreich und melodienselig. Und obwohl sich Juon gelegentlich wie ein Chamäleon gebärdet und Stile mancher seiner Zeitgenossen assimiliert, bleibt er eine völlig eigenständige Persönlichkeit – selbst bei der Adaption von Volksliedern (die CD bietet ukrainische, russische und jüdische in Juons Bearbeitung).

Wesseling, die auch schon Wagners Fricka gesungen hat, verweigert in ihrer Interpretation jeden Opernton. Einfühlend begleitet von Clau Scherrer singt sie hell, schlank, flexibel und elegant, gelegentlich beinahe chansonhaft. Eine schöne, feine CD, und zugleich eine echte Entdeckung fürs Repertoire.

Gerhard Persché