Marc-André Hamelin bezeichnete es als das „perfekteste Festival der Welt“, und wohl alle Klavierfans dürften zustimmen: Das seit 1987 alljährlich im Schloss vor Husum stattfindende Kulturereignis „Raritäten der Klaviermusik“ ist seit 30 Jahren für Publikum und Interpreten gleichermaßen eine Pilgerstätte der Entdeckerfreuden. Dieses Festival hat von Anfang an dem Mainstream abgeschworen, auf Vielfalt und lustvolle Bergung pianistischer Schätze gesetzt und sich damit ein markantes, unverwechselbares Profil in der immer gleichförmiger werdenden Festivallandschaft erarbeitet.

Seit Anbeginn hat das Festival in Deutschlands Norden mit Danacord einen treuen Partner, der die Konzerte mitschneidet und die Höhepunkte in liebevoll präsentierter Zusammenstellung veröffentlicht.

So dokumentiert auch die neueste, dem Festivalsommer 2015 gewidmete CD das hohe Niveau des Festivals. Die illustre Schar der pianistischen Schatzsucher, die ihre klingenden Preziosen stolz präsentieren, kann sich durchaus hören lassen: Jonathan Plowright verzaubert mit einem barockisierenden Kleinod seines englichen Landmannes Harold Craxton oder zeigt mit Jack Finas „Bumble Boogie“, wie man den „Hummelflug“ jazztauglich macht. Florian Uhlig entführt mit Hummels Polonaise „La bella capricciosa“ in die noble Welt der Frühromantik, Altmeister Cyprien Katsaris lässt mit seinen eigenen brillanten Improvisationen den Typus des komponierenden Virtuosen Liszt’scher Prägung auferstehen, und der von Yuri Favorin gestaltungsmächtig gespielte Satz aus der ­Sonate op. 35 erinnert an den großen romantischen Individualisten Charles-Valentin Alkan. Hier wird überzeugend dargestellt, wie lohnenswert und lebensfähig das gebotene Repertoire ist und dass es zu einem gelungenen Festival nicht zwangsläufig der Mondscheinsonate oder der Revolutionsetüde bedarf.

Frank Siebert