Groß war das Staunen, als Naxos vor gut einem Jahr mit dem „Rheingold“ eine neue Aufnahme von Wagners „Ring des Nibelungen“ startete – mit dem Hongkong Philharmonic Orchestra unter Jaap van Zweden, der 2018 die Leitung des New York Philharmonic übernehmen wird. Wer mit der von John Culshaw für die „Sonic Stage“ inszenierten Aufnahme unter Georg Solti aufgewachsen ist, wird überrascht oder auch enttäuscht sein über einen wie von einem Schleier überdeckten Orchesterklang mit sanften Streichern und zurückhaltenden Bläsern. In der Klangperspektive stehen die Stimmen, gleichsam sanft gebettet, im Vordergrund.

Darunter sind einige kapitale Stimmen, voran die von Stuart Skelton als Siegmund. Der australische Tenor artikuliert den Text nicht nur plastisch und idiomatisch, sondern bringt ihn auch mit Eloquenz zum Klingen. Mit Blick auf die Vokalität der Partie ist die Stimme ideal: in der unteren Oktave dunkel grundiert und voll, aber nie massig-breit, in der Übergangslage leuchtend und vor allem dynamisch sehr flexibel. Als Sieglinde wird Heidi Melton vibrato-allergische Ohren wohl irritieren. In den dramatischen Szenen mit Siegmund und bei „O hehrstes Wunder“ imponiert sie allerdings durch die Spannkraft ihrer stählernen Stimme. Eine Enttäuschung auf ganzer Linie bereitet Falk Struckmann als Hunding, einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt Petra Lang, die aus dem für sie wohl sichereren Hafen des Mezzo ins dramatische Sopranfach gewechselt ist. Wunderbar gelungen sind die Todesverkündung und einige dialogische Passagen mit dem Wotan von – eine kühne Besetzungsüberraschung – Matthias Goerne. Seiner Stimme fehlt zwar der metallische Kern eines echten Helden-Baritons. Insgesamt aber zeigt er sich stimmlich in guter Form. Michelle de Young gibt der Götter-Gattin mit zwar kräftiger, aber tremolierender Stimme die Physiognomie einer eifersüchtigen Furie.

Jürgen Kesting