Anna Netrebko | Romanza

„Romanza“ heißt das Album, auf dem Anna Netrebko und ihr Mann Yusif Eyvazov Songs des russischen Bombast-Convenience-Komponisten Igor Krutoy performen. Die 18 Nummern sind vollgestopft mit soft-tonalem Mega-Pathos, dass es nur so trieft. Um die Intention des Wohlfühlprogramms zu unterstreichen, ist das Ganze mit viel Wattebäuschchenhall im Weichspülgang abgemischt und garantiert von jedem Fleck Nüchternheit gereinigt. Ohne Frage: Das ist Kitsch. Man darf annehmen, dass „Romanza“ andere Märkte als jenen anvisiert, auf dem sich die angestammten Klassikhörer bewegen. Die Songs bedienen sich einer alle Stile egalisierenden Ästhetik, immer im Bemühen, jeden Klangcharakter, der dem rosa Zuckerguss zuwiderlaufen könnte, zu vermeiden. Man muss konstatieren, dass dies gelungen ist. Welch seltene Freude, wenn der Rhythmus ausnahmsweise einmal sanft wiegt, statt sich mächtig dahinzuwälzen, ein Elektro-Sound oder eine Kastagnette für seltene Abwechslung sorgen.

Doch was soll’s: Die Netrebko ist auch hier eine hörenswerte Diva, selbst im falschesten Pathos berührt die Schönheit ihres Gesangs. Netrebko-Gatte Eyvazov, der eher selten zu Wort kommt, wirkt wie immer emotional undurchlässig, aber metallisch-zuverlässig. Die Begleitung der 18 Kitsch-Songs (fast alle in Italienisch) übernehmen zwei „Session Orchestras“ aus London bzw. Los Angeles, geleitet von Ben Foster und William Ross. Natürlich enthält das Beiheft zahlreiche Fotos des singenden Liebespaares. Und als Kontrastprogramm (oder versöhnliche Geste?) enthält Romanza eine zweite CD (für die hier keine Sterne vergeben seien): eine Sammlung von Opernarien und Duetten mit der Netrebko aus den Jahren 2003 bis 2016. Da sind dann mit erstklassigen Orchestern Ausschnitte aus Werken von Verdi, Puccini, Dvořák, Lehár, Bellini, Mozart u. a. zu hören und, darf man hinzufügen, in feinen Häppchen zu genießen.

Johannes Schmitz