Was ist im heutigen Konzertleben noch übrig von ihrem vergleichsweise üppigen Werk? Fast nichts. Die Mecklenburgerin Emilie Mayer hatte gegenüber einigen prominenteren Komponistinnen des 19. Jahrhunderts einen großen Vorteil: Sie war nicht mit Schumann oder Mahler verheiratet, sie musste sich niemandem unterordnen und komponierte in fast allen Gattungen, und das reichhaltig. Studiert hat sie bei Carl Loewe in Stettin, später wohnte sie vor allem in Berlin, wo sie 1883 mit 70 Jahren starb.

Das 1992 gegründete Trio Vivente hat nun zwei von Emilie Mayers Klaviertrios aufgenommen, ergänzt um das Notturno op. 48 für Geige und Klavier. Die Stärken dieser Aufnahmen liegen im Leisen und Lyrischen. Mehr Verve wünschte ich mir dagegen in den forschen, mal mit „con brio“, mal mit „maestoso“ überschriebenen und in den schnellen Sätzen. Hier halten sich die drei „Viventinnen“ überraschend stark zurück, etwa wenn Mayer grummelnde Bassfiguren dem Klavier anvertraut, diese aber eher in einem „moderato“-Gestus gedeutet werden, oder wenn sich Tremoli in den Streichern verdichten, nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als dramatisches Gestaltungsmittel; oder wenn Mayer abrupte Bremsmanöver vollzieht und kurze, heftige Akkorde schreibt. Warum agiert das Trio dann so vorsichtig und verhalten?

Dafür gelingen die träumerischen Momente, die retardierenden Passagen, schon gleich im Kopfsatz des Trios op. 16. Auch die Phrasen-Enden, wenn Läufe versiegen, Themen aushauchen, Triller entschwinden, spiegeln den poetischen Geist der Musikerinnen. Das Notturno ist ein romantisches Stück durch und durch, durchaus Schubert-ähnlich mit der melodieführenden Geige und der sanften, ausmalenden Assistenz durch das Klavier. Dass das klassische Erbe eines Haydn, eines Beethoven bei Mayer Spuren hinterlassen hat, zeigt das D-Dur-Trio op. 13 – doch auch hier gilt: Mehr Mut!

Christoph Vratz