Die bekannte Figur aus der commedia dell’arte, der Typ mit der schwarzen Vogelmaske, lieferte den Bandnamen. Pulcinella, der die Stimme des Volkes repräsentiert, mal als schlauer Herr oder als bisweilen rüder Diener, was Strawinsky zu einem Ballett inspirierte. Der Albumtitel verweist auf die dreiviertel Unze, jene berühmten 21 Gramm, die unsere arme Seele noch wiegen soll, wenn sie den Körper verlässt.

In früheren Zeiten hätten die Pulcinellas vielleicht Polkas bei einem Dorffest gespielt. Als in Frankreich gegen Ende der 80er-Jahre die folklore imaginaire aufkam und in den Jazz strömte, müssen diese vier noch im Kindergarten getobt haben. Was vom Musikerkollektiv ARFI in Lyon oder Uzeste und durch Michel Portal erfunden wurde, prägt unüberhörbar den frischen Stil des noch jungen Quartetts aus Toulouse, der „ville rose“ mit ihren im Licht des Südens leuchtenden Backsteinfassaden. Jazzige Anklänge an eine traditionelle, fast verschwundene Folkmusik aus dem Massif  central und aus Katalonien, in acht tänzerischen Stücken, die bis auf eines alle vom Saxofonisten Ferdinand Doumerc komponiert wurden.

Der Dreh- und Angelpunkt für die Gruppe ist jedoch Florian Demonsants Akkordeon, ein Instrument, das bekanntlich von den Hippies noch als „Öko-Synthie“ belächelt wurde. Die vier vermeiden die biederen Musette-Klischees, ihr karger, aber zupackender Stil harmoniert wunderbar – und auch der Rhythmusgruppe gelingt einiges, etwa wenn die Querflöte sich mit dem Kontrabass duelliert. Toulouse ist eben nicht nur die Welthauptstadt des Bel Canto. Pulcinella beginnen mitreißend über Felle, Saiten und Tasten zu tanzen und durch Hörner zu singen, sobald eine von Ferdinands zündenden Melodien ertönt.
Die Sänger, allen voran die im französisch-dramatischen Fach und der Historischen Aufführungspraxis bestens geschulte Véronique Gens, treffen den Tonfall dramatischer Beiläufigkeit. Der Höhepunkt des Ganzen ist erreicht, wenn Proserpine Sabatino endlich ihre Liebe gesteht und sich dabei zerbrechlich und zugleich aufbegehrend gibt. Aber auch das wird vor allem durch das Orchester angezeigt. Dieses beständige Parlando, dieses Fehlen jeder einprägsamen Ariennummer hat dennoch eine Art vornehmen Reiz.

Karl Lippegaus