Camille Saint-Saëns ist der französische Klassizist und Orchesterkomponist par excellence. In seiner 1887 uraufgeführten Oper „Proserpine“ dominiert das farbenreiche, mal sanft perlende, mal bunt schimmernde, mal volkstümlich tänzelnde Orchester in einer Weise, dass man den Opern-Stoff selbst nur als Vorwand für solche Farbigkeit begreifen will: Sabatino war in die Kurtisane Proserpine verliebt und sie in ihn, eingestanden haben sie es sich nie. Jetzt wird ihm, behindert durch Intrigen Prosepines, die sich den Verbrecher Squarocca gefügig gemacht hat, die fromme Angiola zugeführt, geleitet durch deren Bruder Renzo. Sabatino entsagt der Kurtisane endgültig, die sich in den Tod stürzt.

Darin liegt eine Art dramatisches Potenzial, wie es Wagner zum „Tannhäuser“ und Verdi zu „La traviata“ veranlasst hatte. Bei Saint-Saëns ist es die genrehaft ausgemalte Musik, die man in der fein nuancierten, nie aufdringlichen Spielweise des Münchner Rundfunkorchesters unter Ulf Schirmer genießt, wenn etwa in der Klosterszene im zweiten Akt ein zartes „Ave Maria“ in einer Weise angestimmt wird, als werde ein warmer Frühlingsregen besungen, oder wenn im Zigeunerlager des dritten Akts folkloristischer Zierrat elegant hin- und hergeworfen wird.

Die Sänger, allen voran die im französisch-dramatischen Fach und der Historischen Aufführungspraxis bestens geschulte Véronique Gens, treffen den Tonfall dramatischer Beiläufigkeit. Der Höhepunkt des Ganzen ist erreicht, wenn Proserpine Sabatino endlich ihre Liebe gesteht und sich dabei zerbrechlich und zugleich aufbegehrend gibt. Aber auch das wird vor allem durch das Orchester angezeigt. Dieses beständige Parlando, dieses Fehlen jeder einprägsamen Ariennummer hat dennoch eine Art vornehmen Reiz.

Richard Lorber