„Verstand und Gefühl“ hat Riccardo Cecchetti eine Auswahl seiner Lieblingsstücke aus den „Sechs Sammlungen für Kenner und Liebhaber“ von Carl Philipp Emanuel Bach genannt. Es ist eine verspätete, aber sehr besondere Jubiläumsaufnahme zum Bach-Jahr 2014 geworden. Nicht nur, weil der italienische Pianist, Kammermusiker und Fortepiano-Spezialist die Noten so genau gelesen hat wie niemand vor ihm, Rhythmik, Dynamik und Phrasierung geradezu peinlich sorgfältig in Klang umsetzt, ja sogar noch zwischen Bachs Staccato-Punkten und -Keilen unüberhörbar differenziert. Sondern vor allem, weil Cecchetti, der auf einem gut erhaltenen alten Hammerflügel spielt, es versteht, den unverwechselbar intimen Reifestil des Hamburger Bach auf stilistisch überzeugende und grundmusikalische Weise umzusetzen. Er verzichtet dabei völlig auf die heute auch für norddeutsche Vorklassik zum Standard gewordene Manier des italienisch-wienerischen Vortrags in gefällig geglättetem Ablauf. Stattdessen bringt er die Musik mithilfe eines radikal unroutinierten, quasi dauerimprovisatorischen Rubatos auf sehr persönliche Weise „zum Sprechen“. So vorgetragen, wirkt Bachs Klaviersatz keinen Augenblick lang dünn und „leer“, sondern scheint durch die von Sekunde zu Sekunde changierenden Farben und Ausdrucksnuancen einen tiefen Blick in die fantastische Innenwelt des heiter-introvertiert alternden „Originalgenies“ zu erlauben, als den die Zeitgenossen von Burney bis Beethoven den berühmten Sohn des Thomaskantors priesen: Eine interpretatorische Kostbarkeit, die ganz im Sinne Bachs unmittelbar „herzrührend“ wirkt – und dies unmittelbarer als alles, was mir an C.Ph.E.-Bach-Aufnahmen bisher begegnet ist. Ähnlich einzigartig und maßstabsetzend wie vor ein paar Jahren Alexandre Tharauds „Couperin“, nur das Klangbild wirkt ein bisschen diffus.

Ingo Harden