Im „Lied an den Mond“ aus Antonín Dvořáks „Rusalka“ wird Yo-Yo Ma zum Werwolf. Inbrünstig heult sein Cello in den Nachthimmel. Sein Vibrato – fast schon ein Markenzeichen des Amerikaners – ist weit und intensiv. Es ist nicht der einzige Ausflug in die Romantik, aber der einzige explizite auf dieser CD, die ansonsten beansprucht, in neue Klangwelten vorzustoßen.

Das Album trägt den Titel von Osvaldo Golijovs Cellokonzert: Azul. Das experimentierfreudige Orchester The Knights aus Brooklyn hat sich mit Waterphone, afrikanischen Trommeln und Hyperaccordion ausgerüstet. „Azul“ ist wohl auch deswegen so beliebt, weil es meist die Grenzen der Tonalität respektiert und gleichzeitig keinen Zweifel daran lässt, im 21. Jahrhundert geschrieben worden zu sein. Mit einer reichen Auswahl an Knatter-, Zwitscher-, Blubber- und Scheppergeräuschen schafft es den versprochenen Klangkosmos. Yo-Yo Ma und The Knights betonen vor allem die Stilbrüche, die in dieser Musik stecken. Im dritten Satz wähnt man sich lange im Prelude einer Cellosuite von Johann Sebastian Bach, bis der Beat einsetzt. Takt für Takt verschiebt sich die Musik, sie beginnt zu grooven und stürzt schließlich in Chaos und brüllende Kakofonie.

In Karlheinz Stockhausens „Leo“ und Sufjan Stevens᾽ Suite aus „Run Rabbit Run“ zeigen The Knights ein gutes Gespür für mehrstimmige Passagen. Virtuos verflechten sie Klangflächen miteinander, pappen sie aufeinander, um sie dann wieder sorgfältig voneinander abzulösen. Die Akustik wirkt manchmal etwas trocken, wenn die ausgefalleneren Instrumente schweigen. Dann klingen selbst Passagen mit dem vollen Orchester kammermusikalisch, andererseits bleiben so Details hörbar, die sonst untergegangen wären.

The Knights präsentieren sich nicht nur als experimentierfreudiges, sondern auch als extrem flexibles Orchester mit einem Faible für drängende Rhythmen.

Ole Pflüger