Noch keine 40 Jahre alt war Günther Groissböck zum Zeitpunkt der Aufnahmen, aber bereits ausgestattet mit den Insignien einer Weltkarriere mit Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Bassfach zwischen Mozarts Sarastro, dem Rosenkavalier-Ochs und würdigen Wagner-Altvätern. Eine prächtige, sich nach unten noch weiter öffnende, nach oben klug abgerundete Stimme hat der österreichische Sänger. Beunruhigend dunkel kann er klingen, aber auch tröstlich reif. Die Artikulation ist sehr gut, die Treue zum echten Vokalklang fest, der Schwingungsvorgang gelegentlich etwas steif.

Im „Schwanengesang“ bleibt alles kantabel und edel, auch die Ausbrüche (Atlas, Doppelgänger) stehen stets unter einem großen Bogen, die Emotion sprengt nie die gute Form – weder die kompositorische, noch die gesangstechnische. Wenn Bässe die „Winterreise“ singen, ist es stets spannend zu beobachten, ob sie sich so sehr aussingen, dass die klirrende Kälte und die Bitterkeit ins Gemütlich-Warme zu kippen drohen. Groissböck entgeht dieser Gefahr, weil er nirgends aufs Gefühl drückt. Gerold Huber verharrt dabei überwiegend in einer eher dezent dienenden Haltung, sodass die Aufnahme insgesamt ein Ohrenschmeichler ist.

Die „Winterreise“ als bürgerliches Sängerfest hat sowohl Tradition als auch Berechtigung. Bei aller beißenden Verzweiflung und drängenden Emotionalität wollen die Lieder ja auch erst einmal sängerisch bewältigt werden. Und das macht Groissböck großartig. Doch bedeckt sein sonores Organ die meisten Abwege mit dem Mantel virtuoser Regentschaft. Der Ich-Erzähler ist bei ihm mehr Erzähler als Ich. Und Gerold Huber entfaltet nicht den Drive, um den gemeinsamen musikalischen Untergrund zum Glühen zu bringen. So bleibt diese „Winterreise“ wohltemperiert. Es soll kein vergiftetes Lob sein, von einer schönen Aufnahme zu sprechen. 

Johannes Schmitz