Wie schon Vater Ulisse landet auch Telemaco auf dem Eiland der göttlichen Nymphe Calipso, die bekanntlich vom Senior schmählich verlassen wurde. Wie schon in diesen verliebt die offenbar Unbelehrbare sich auch in den Junior und ist äußerst ungehalten darüber, dass er eine andere Nymphe, Eucari, vorzieht. So kommt es zu jenen Turbulenzen, die für die Barockoper und deren Ausläufer genretypisch sind.

Mit dem Barock selbst freilich hatte Johann Simon Mayr (1763-1845) nicht mehr viel zu tun, eher noch mit dem Sturm und Drang. Der in der Nähe von Ingolstadt geborene und später in Bergamo ansässige Komponist ist vor allem als Lehrer Donizettis bekannt, wiewohl er mit einem Katalog von fast 700 Werken (darunter rund 70 Opern) einer der produktivsten Tonschöpfer seiner Zeit war. Für die Wiederentdeckung von Mayrs Œuvre setzt sich besonders der Ingolstädter Organist, Cembalist und Dirigent Franz Hauk ein.

Mayrs Dramma per musica „Telemaco nell᾽isola di Calipso“ (1797 zur Karnevalssaison in Venedig uraufgeführt), das Hauk nun als CD-Weltpremiere herausbringt, weist viele der revolutionären Innovationen der Pariser Oper jener Zeit auf, inklusive eines gewissen „militärischen“ Gestus der Musik. Spektakulär ist etwa die Gewitterszene im ersten Akt, die Telemacos Ankunft begleitet, sich ihre Inspiration auch bei den Affekten von Vivaldis „Le quattro stagioni“ zu holen scheint und zugleich auf die Romantik vorausweist. Calipso wiederum erinnert an Mozarts Königin der Nacht, geht dabei zur Barockoper zurück und nimmt zugleich die Irrsinnsfälle der Belcanto-Oper vorweg.

Franz Hauk und sein Concerto de Bassus leisten dem Werk gute Dienste. Die Sänger (mehrheitlich Soprane) sind auf unterschiedlichem Niveau; auf jeden Fall überzeugt Siri Karoline Thornhill in der Hosenrolle des Telemaco.

Gerhard Persché