Weltersteinspielung mit dem Komponisten am Klavier! Fazil Say und Nicolas Altstaedt porträtieren in Says Cellosonate „Four Cities“ die türkischen Städte Ankara, Bodrum, Sivas und das Provinznest Hopa. Die Sonate ist vollgestopft mit Says persönlichen Erinnerungen an diese Orte. Und so verlangt sie von den Musikern einiges an Schauspielkunst. Sie vertonen Volkstänze, Protestmärsche und eine Kneipenschlägerei.

Say meistert die technischen Herausforderungen der Sonate mit der Coolness eines Barpianisten. Er steht fast durchgehend mit dem Bleifuß auf dem Pedal. Einmal angeschlagen schwingen die Töne deshalb sekundenlang im Bauch des Flügels. Wenn es nur ein paar sind, dann ergibt sich daraus ein feines Netz an Schallwellen, die einander schneiden, überholen, aufeinanderprallen; ein erlesenes, ätherisches Säuseln. Wenn es mehr Töne werden, dann stauen sie sich auf, schwellen an zuerst zu einem Grummeln, dann beginnt das ganze Instrument zu dröhnen, wie eine Flugzeugturbine beim Start.

Besonders effektvoll kontrastieren die Musiker im Ankara-Satz der Sonate. Da lässt Say gelassen die Noten tröpfeln, während Altstaedt fast blindwütig die Saiten malträtiert. Der zweite Satz, Hopa, ist eng mit dem überdrehten Allegro aus Schostakowitschs Sonate verwandt. Beide gehören zur Gattung der untanzbaren Tänze, so schnell, so skurril, so hysterisch, dass wohl nur Stepptänzer überhaupt in der Lage wären, Schritt zu halten. Doch mit beeindruckendem Gestaltungswillen halten Say und Altstaedt die Grotesken unter Kontrolle und preschen trotzdem im vollen Tempo hindurch.

Dann aber verflacht die Aufnahme in Debussys und Schostakowitschs Sonaten an manchen Stellen; vor allem, weil Say sich nicht immer ganz darauf einlässt, wenn bei Altstaedt die Dinge am Cello eskalieren. Es fehlt dann jene Spannung, die Four Cities zu so einem mitreißenden Hörerlebnis macht.

Ole Pflüger