Rezension April 2018

Paolo Bonomini | Violoncello Italiano

Wenn ein großes Sinfonieorchester die Himmelspforten aufreißt, mit hundert Instrumenten und mehr, vergisst man leicht, dass in jedem Instrument ja schon ein ganzes Universum steckt.

Wenn Paolo Bonomini spielt, ist es andersherum: Man vergisst, in welche Höhen ein Orchester vorstoßen kann, wenn er mit dem Cello kilometertief in die Musik bohrt.

Bonomini gewann im letzten Jahr den Leipziger Bach-Wettbewerb in der Kategorie Violoncello und Barockvioloncello. Er ist ein würdiger Sieger, wie er nun auf seiner ersten Solo-CD beweisen darf.
Es gibt hier so gut wie nichts auszusetzen, dafür umso mehr zu loben. Zum Beispiel seine Fähigkeit zu phrasieren: Er spielt Spannungskurven, Spannungsparabeln und kunstvoll geschwungene Spannungsklammern. Er schiebt Melodieteile übereinander, lässt sie ineinander verlaufen, aufeinanderprallen, verlötet, verfugt und vernäht sie miteinander. Kein Übergang klingt gleich. Bonomini beeindruckt mit seiner Kreativität, und er hat die technischen Fähigkeiten, seine Ideen präzise umzusetzen. In Luigi Boccherinis Sonate begleitet ihn kongenial die Cellistin Magdalena Bojanowicz. Sie vollendet jede von Bonominis Ideen mit maßgeschneiderter Continuo-Begleitung.

Bonomini zeigt sich mit erst 27 Jahren bemerkenswert vielseitig. Er trifft für jede Epoche den richtigen Sound: von Joseph Dall’Abacos barocken Capricen bis zu Luigi Dallapicolas Chaconne, Intermezzo und
Adagio, die er mit der ganzen Kompromisslosigkeit moderner Musik traktiert. In Alfredo Piattis Miniaturen versprüht er Wärme und Gelassenheit. Naoko Soda am Klavier tupft mit Bedacht ihre Begleitung darunter.
Im Beiheft zur CD schreibt Bonomini, dass er diese Stücke ausgewählt habe, weil er sich mit ihnen wohlfühlt. Man hört das bei jeder Note, die er spielt. Boccherini und Piatti waren die wohl größten italienischen Cello-Virtuosen. Ob Bonomini einst mit ihnen in einer Reihe stehen wird? Das Talent dazu hat er.

Ole Pflüger