Rezension Juli 2018

Bejun Mehta | Cantata : Yet Can I Hear... (Handel, Bach, Vivaldi...)

Bei den Wiener Festwochen 2014 hatte sich Bejun Mehta einer Inszenierung ausgeliefert, die weit über das gewohnt Theatralisch-Szenische hinausging: Glucks „Orfeo ed Euridice“ in Romeo Castelluccis Exegese, mit dem nur vermeintlich und beim ersten Hinsehen indiskreten Blick per Live-Kamera in ein Krankenzimmer auf ein Mädchen im Wachkoma – Orpheus’ Gang in die Unterwelt zu Eurydice symbolisierend. Vermutlich hinterließ dies bei Mehta tiefe Spuren, denn im Zusammenhang mit dem vorliegenden Album spricht der Sänger von einem In-sich-Hineinhören, von der Reflexion über Leben und Tod.

 

„Cantata – yet can I hear …“ (der Untertitel stammt aus einer Arie von Händels „The Choice of Hercules“ HWV 69) betitelt sich das Recital mit geistlichen und weltlichen Solokantaten von Bach (Johann Sebastian & Johann Christoph I), Händel, Vivaldi sowie des weithin unbekannten Melchior Hoffmann (ca. 1679-1715), dessen Trauermusik „Schlage doch, gewünschte Stunde“ (mit der steten Intervention des zierlichen Glockenspiels) als BWV 53 lange J.S. Bach zugeschrieben wurde.

Bejun Mehta nähert sich der unterschiedlichen Gestik dieser Kantaten mit enormem Gespür, durchmisst dabei eine enorme Gefühlsskala – vom hohen Ernst von Bachs Kantate BWV 82, „Ich habe genug“, mit einem ganz wunderbaren „Schlummert ein, ihr matten Augen“ bis zu geradezu parodistischen Tönen in Vivaldis „Pianti, sospiri e dimandar mercede“ RV 676, der Geschichte eines jungen Mannes im Kampf mit dem wilden Meer der ersten Liebesenttäuschung. Der Counter zeigt sich vokal unanfechtbar, er beherrscht seine Stimme bis in die feinsten Nuancen und Verästelungen und verbindet Schönheit und Ausdruck auf höchstem Niveau, ohne auf Show zu machen (dass die Textaussprache nicht immer messerscharf ist, darf ohne Weiteres hingenommen werden). Und auch die Instrumentalisten der Akademie für Alte Musik Berlin sind großartig.

Gerhard Persché