Pünktlich zur Eröffnung der Elbphilharmonie erscheint die erste Aufnahme aus dem neuen Saal – was erneut zeigt, wie professionell die Werbekampagne für das Hamburger Konzerthaus läuft. Kann man auf CD einen Eindruck von der Akustik des neuen Saales bekommen? Eher nicht. Aber man kann nach Anhören dieser Einspielung festhalten, dass der (leere) Saal für Aufnahmen sehr geeignet zu sein scheint. Erstaunlich, ja wundervoll jedenfalls ist die Klarheit, mit der die Ins­trumentation der beiden Brahms-Sinfonien auf dieser Einspielung zu verfolgen ist. Im letzten Satz der dritten Sinfonie etwa ist in der Episode nach dem Hauptthema deutlich und doch eingebettet in einen homogenen Gesamtklang ein Kontrafagott zu hören, das da noch unter den Kontrabässen schnurrt. Allerhand! Das war in dieser Deutlichkeit bislang kaum einmal zu vernehmen.

Ebenso plastisch lassen sich die Bläsergruppen im Allegro giocoso der Vierten auseinanderhalten, ohne dass der Ensembleklang zu leiden hätte. Klarinetten und Fagotte, Oboen und Hörner – es klingt, als läge die Partitur aufgeschlagen vor einem. Schön, wenn dieses Ergebnis auf die Rechnung des damals, im November, aufnehmenden Tonmeisters geht. Noch schöner, wenn es mit dem neuen Saal zu tun hat, dem viele eine Akustik nach CD-Ideal nachsagen: klar zeichnend und doch verbindlich. Das klangliche Erlebnis adelt auch eine musikalische Wiedergabe, die zuweilen etwas hanseatisch distanziert anmutet. Thomas Hengelbrock tritt Brahms nicht allzu nahe, drängt oft zur Eile und tut dabei nichts Falsches. Jedenfalls in der vierten Sinfonie, die beim dezenten Ton des NDR-Orchesters edle Blässe erhält. In der Dritten holt Hengelbrock das Verweilende, das zuvor gefehlt hatte, geballt nach, was nicht ganz glücklich ist. Der dichte Zusammenhalt, der die Wiedergabe der Vierten noch geprägt hatte, fehlt, das Werk droht sich im Schönklang zu verirren.

Clemens Haustein