Jean-Guihen Queyras | Brahms: Cellosonaten

Was ist das überhaupt, eine Cellosonate? Ein Duett für Cello und Klavier? Eine Klaviersonate mit Basstönen untermalt? Oder ein Solostück für Cello mit Klavierbegleitung? Diese Fragen werden stets aufs Neue verhandelt, wenn Johannes Brahms’ Sonaten für Cello und Klavier gespielt werden. Natürlich sollen die Interpreten bei Brahms gleichberechtigt musizieren. Zugleich gibt es aber doch Passagen, in denen das eine oder andere Instrument dominiert. Welche das sind? Darüber haben sich Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud intensiv Gedanken gemacht.

Queyras’ Cello ist im ersten Satz der e-Moll-Sonate präsenter als das Klavier, auf dem Tharaud spielt. So kommt sein elegischer Charakter gut zur Geltung. Dafür verzahnen die Musiker in der Fuge des dritten Satzes die Stimmen beider Instrumente meisterhaft miteinander: Duettspiel vom Feinsten.
Sie stellen nicht an jeder Ecke einen Wegweiser auf, gestalten nicht jeden Melodiebogen bis ins letzte Detail. Vielmehr geht es ihnen ums Gesamtbild, den dramatischen Charakter von Brahms’ Musik. Jeder Melodie geben sie einen neuen Charakterzug, wenn sie sich wiederholt. Dafür zahlen Queyras und Tharaud allerdings einen Preis – zum Beispiel im dritten Satz der F-Dur-Sonate: Da stehen einzelne Töne ratlos miteinander herum, weil die Musiker ihnen keine klare Richtung vorgeben.

Dazu spielen sie eigene Bearbeitungen von sechs der Ungarischen Tänze. Brahms komponierte sie ursprünglich für Klavier, berühmt wurden aber vor allem die Orchesterfassungen; Queyras und Tharaud orientieren sich in ihren Arrangements am reicheren Klangfarbenspektrum des Sinfonieorchesters: Pfeifende Flageoletts imitieren den Klang der Holzbläser, und die Cellostimme überspringt gerne mal mehrere Oktaven auf einen Schlag. Vor lauter schäumender Kreativität verschluckt Queyras aber auch den einen oder anderen Ton, sodass die Tänze stellenweise wie eilig angefügte Zugaben wirken.


Ole Pflüger