Lisa Batiashvili | Prokofjew: Violinkonzerte 1 u. 2

Die am Beginn, in der Mitte und am Schluss eingestreuten Ausschnitte aus den Bühnenwerken „Romeo und Julia“, „Cinderella“ und „Die Liebe zu den drei Orangen“ mögen als Brücken oder als schmückendes Beiwerk gelten, im Zen­trum dieser Einspielung stehen die beiden Violinkonzerte von Sergej Prokofjew. Solistin ist Lisa Batiashvili, ihr zur Seite stehen das Chamber Orchestra of Europe und Yannick Nézet-Séguin.
Batiashvili träufelt dem Hörer keinen Honig ins Ohr, das zeigen die jeweiligen Einstiege in beide Konzerte. Wenn Prokofjew die Geige im ersten Konzert schon nach einer Minute in höchste Lagen führt, klingt das bei Lisa Batiashvili behutsam, silbrig und hell, aber eben nicht süßlich. Auch das zweite Konzert eröffnet eher verhalten. Hier sind es die warmen Töne, mit denen Batiashvili überzeugen kann. Das klingt durchdacht und ausgewogen, frei von Versuchungen des Übertreibens. Das Vivacissimo-Scherzo im ersten Satz spielt sie gekonnt schnörkellos und mit lockerem Handgelenk. Man hat die tiefen Passagen schon knarziger, rhythmisch zupackender gehört, was zu kleinen Teilen auch an der Aufnahmetechnik liegen mag, da das Orchester präsenter, fast knalliger wirkt als die Sologeige.

Der vielleicht eindrucksvollste Satz ist das Finale aus dem zweiten Konzert, wo nicht nur Soloinstrument und Orchester ihre Dialoge äußerst abwechslungsreich gestalten. Batiashvili verzichtet auch hier auf geigerische Bravour und konzentriert sich ganz auf den musikalischen Gehalt. Sie stellt diese Musik nicht als klingendes Furiosum dar, führt den Bogen nicht wie ein Laserschwert. Vielmehr zeichnet sie sich durch eine behutsame Mischung der stilistischen Mittel aus. Das Chamber Orchestra of Europe spielt unter Yannick Nézet-Séguin teilweise betont kammermusikalisch, an einigen Stellen jedoch hätte ich mir diesen Prokofjew kratzbürstiger, poröser, knöchriger gewünscht.

Christoph Vratz