Rheinische Kantorei | Johann Friedrich Reichardt: Die Geisterinsel

Goethe hatte gehofft, Mozart würde die Oper nach Shakespeares „Sturm“ schreiben, aber nach dessen Tod wurde das Libretto durch Johann Friedrich Reichardt vertont – der Librettist Friedrich Wilhelm Gotter war in Wetzlar ein Referendars­kollege Goethes gewesen. Der Weimarer Herzog sah die Oper drei Jahre nach der Uraufführung in Berlin, wo sie immerhin 27 Jahre im Repertoire stand, und war überaus zufrieden – dieses Werk ist wie eine Zeitreise ins Weimarer Theater der Goethe-Zeit. Und in der Tat, die Übersetzung Shakespeares in die Ausdruckswelt der beginnenden Romantik schließt für unsere Ohren die Lücke zwischen Mozart und E. T. A. Hoffmann, Weber & Co. Für das Toben des Sturms hat Reichardt, der drei Jahre jünger war als Goethe, ein Klangbild voll schriller Dissonanzen entworfen, das auf die Wolfsschlucht vo-
rausweist.

Für diese Radioproduktion des WDR wurden auch die originalen Dialoge gesprochen, was die Oper in wohltuend historischem Abstand belässt. Hermann Max befeuert stilvoll sein Ensemble Das Kleine Konzert, funkensprühend in den stürmischen Szenen und beseelt in den empfindsamen. Tenor Markus Schäfer ist der gestrandete junge Prinz Ferdinand, auf seiner Suche nach der Liebe sanft geleitet durch die Sopranistin Romelia Lichtenstein als munterem Ariel. In Ferdinands Zeile „Seliger Geister Freistatt ist hier“ zeigt sich die tiefere Bedeutung des Titels dieser preußischen „Zauberflöte“. Ekkehard Abeles Prospero versucht die Menschen mit sonorer Sarastro-Würde zu leiten, Tom Sol ist sein widerborstiger Caliban, eine vielschichtige Charaktergestaltung. Barbara Hannigan ist ein frischer Page Fabio, Ulrike Staude eine liebliche Miranda auf dem Weg von der Tochter zur Frau; im zweiten Finale singt sie einen Schlager der Goethezeit. Das Originellste aber liegt in den zahlreichen Ensembles.


Bernd Feuchtner