Ossian, der gälische Barde, der in grauer Vorzeit von gefallenen Helden und untergehenden Königreichen in stürmisch-dunklen Gegenden Schottlands gesungen haben soll, faszinierte um 1800 die halbe Welt: Goethe genauso wie Napoleon und auch Etienne-Nicolas Méhul, der mit „Uthal“ 1806 eine Ossian-Oper schrieb. 2015 wurde das 60-Minuten-Stück von Christophe Rousset und seinen Talens Lyriques unter dem Patronat des Palazzetto Bru Zane wiederentdeckt.

Der Krieger Uthal macht dem alten Herrscher Larmor den Thron streitig. Der ruft die Truppen von Fingal zu Hilfe. Dazwischen steht Malvina, Larmors Tochter und zugleich Frau von Uthal. Zerrissen zwischen Vaterliebe und Gattentreue, ist sie die Hauptfigur der Oper, von Karine Deshayes mit dramatischem Impetus und lyrischem Leidenston gleichermaßen verkörpert. Yann Beuron muss den ungestümen Krieger und zweifelnden Ehegatte mimen und Jean-Sébastian Bou einen noch nicht resignierten Alten, der am Ende zur Vergebung fähig ist.

Auf eine schlüssige Dramaturgie kam es Méhul nicht an. Ihm lag mehr an den Gesängen der Krieger und Barden. So wird die „Hymne au sommeil“ sehr apart mit zwei Harfen, Flöten und Hörnern begleitet. Um den dunklen Ton der schottischen Gegenden zu treffen, verzichtete Méhul komplett auf die Violinen. Die Talens Lyriques kompensieren die fehlende Oberstimmenprägnanz durch fein-präzise Artikulation und entfalten einen geradezu exotischen Klang. Dem sich hinzugeben und sich in dunkle Sphären tragen zu lassen, wird man allerdings durch die langen gesprochenen Dialoge aufgehalten, es sei denn, man hegt ein Faible für die pathetische französische Librettoliteratur des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Richard Lorber