Angela Gheorghiu | Eternamente

Ein Verismo-Album, betitelt nach einem Lied, das Angelo Mascheroni für Caruso geschrieben hat? Dem „Verismo“ gehört es so wenig an wie „O del mio amato ben“ von Stefano Donaudy oder „Ombra di Nube“ von Licinio Refice; und auch Komponisten wie Boito, Ponchielli, Cilea oder Puccini lassen sich schwerlich unter einem Dach mit der Aufschrift „Verismo“ versammeln. Der Begriff besagt nichts, wenn mit ihm nicht „Aufrichtigkeit“ oder die Wahrheit eines Lebens und glühende Passionen gemeint sind.

Der Verismo verlangt über den ganzen Umfang klangreiche Stimmen mit der Spannkraft für deklamatorische Phrasen und heftige Exklamationen, gerade wenn die Bruststimme über das weithin empfohlene Zentrum des Passagio in die Höhe geführt wird. Damit sind die stimmlichen – und expressiven – Qualitäten benannt, die dem lyrischen Sopran von Angela Gheorghiu nicht zur Verfügung stehen. Sie kann überzeugen, wenn sie, wie in Toscas „Vissi d’arte“, die Mittel von Reiz und Rührung einsetzt, dies aber auf stimmliche, behutsame Weise – oder sollte man sagen: auf recht sparsame Weise? Oder auch, wenn sie mit sanften Tönen den Messgesang („Regina coeli“) aus Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ anstimmt. Aber für Santuzzas „Voi lo sapete, o Mamma“, für die Exklamationen im Duett „Tu qui, Santuzza“ oder für das „Suicidio“ der Gioconda von Amilcare Ponchielli bringt sie nicht die deklamatorischen Energien und die Register-Kontraste mit, die einst den echten Verismo-Diven zur Verfügung standen. Auch im Finalduett aus Giordanos „Andrea Chenier“ lassen sie und ihr Tenorpartner Joseph Calleja die Temperatur von Leidenschaft und Verzweiflung nicht in den roten Bereich steigen. Solide die Begleitung durch das „Prague Philharmonia“ unter Emmanuel Villaume.



Jürgen Kesting