Jean Rondeau | Vertigo; Werke von Rameau und Royer

Viele ausgezeichnete Cembalisten wählen in ihren Programmen zwischen dem enzyklopädischen Gesamtformat oder der 75-minütigen Blütenlese aus einem homogenen Repertoire. Das Ergebnis sind imposante, manchmal glanzvolle Tasten-Monografien. Jean Rondeau greift bei seinem Album „Vertigo“ zu einer anderen Programmidee: Indem er Cembalo-Piècen der Zeitgenossen Jean Philippe Rameau und Pancrace Royer einander gegenüberstellt, porträtiert er nicht nur das ungleiche Nebeneinander zweier scharfer Konkurrenten der Opernbühne, sondern auch zwei Haltungen des Musizierens.

Das durchweg von raffiniertem Geschmack geprägte Komponieren Rameaus in den überlieferten Genres entfaltet seine ganze Noblesse umso mehr in der Nachbarschaft zu Royers dramatischer Direktheit, verfeinerte Affektdarstellung neben effektsicherer Drastik, die wohl in keinem Stück merklicher zur Geltung kommt als in der namengebenden Fantasie „Vertigo“, die mit einer unaufgelösten Dissonanz abreißt.

Das Gegenüber der beiden Pariser Meister arbeitet Rondeau mit großer Lust am Kontrast heraus: Rameaus Musik erkundet er behutsam mit subtilen Varianten des Brechens und Rhythmisierens, ohne den Sinn für das sichere Fortschreiten zu verraten; bei Royer geht er dagegen mit geradezu orchestraler Pranke zu Werk und überschreitet manchmal absichtsvoll die Grenze zum Lärmen. Der fantastische, in der Aufnahme brillant abgebildete Klangreichtum des kostbaren Cembalos aus dem 18. Jahrhundert im Schloss von Assas vermittelt sich dabei wie nebenbei. Und Rondeau hebt sich eine Überraschung für den Schluss auf: Indem er Rameaus kantige »Sauvages« und die zarte »Aimable« Royers ans Ende setzt, stellt er die zuvor so unverblümt bekundeten Verhältnisse kurzerhand auf den Kopf. Nichts ist, wie es scheint, und die Akteure tauschen auf offener Bühne die Masken: ein einfacher Bühnentrick, von Rondeau ebenso geschickt wie geschmackvoll in Szene gesetzt.


Friedrich Sprondel