Sun Ra and his Solar Arkestra | The Magic City

1946 hatte Sun Ra dem rassistischen Birmingham/Alabama für immer den Rücken gekehrt, doch noch lange kreiste sein Denken um diese Stadt. In der Nähe der Eisenbahnlinie hatte er gelebt und jeden Morgen das riesige Gerüst erblickt, auf dem stand: „Birmingham – The Magic City“. Sein kollektiv improvisierter Zyklus stand für „eine Stadt ohne Böses, eine Stadt der Möglichkeiten und der Schönheit.“ Die New Yorker Jazzszene war 1965 eine bouillon de culture – alles Mögliche brodelte derart heftig, dass ein Hexenmeister mehr wie der schillernde Sun Ra kaum auffiel. Erstmals hatte er für sich und sein Arkestra ein Haus gefunden, wo sie alle zusammen leben und arbeiten konnten. Pharoah Sanders und viele andere pilgerten hin, um mit Sun Ras Kollektiv zu jammen. Sie traten in Coffee Houses auf, begleiteten bei Lyrik-Lesungen, veranstalteten Freikonzerte und hielten ihre bizarre Musik ständig in Fluss. Das Album „The Magic City“, oft fälschlich auf 1970 datiert, markiert einen Wendepunkt im Schaffen des großen Weltraumforschers.

Drei Teile dieses berühmten Albums wurden im New Yorker Loft des afrikanischen Trommlers Olantuji 1965 aufgenommen und nehmen insgesamt 18 Minuten ein. (Olatunji war ein Freund John Coltranes, und auch Carlos Santana hat ihm einiges zu verdanken.) Das Titelstück des Albums „The Magic City“, eine Anspielung auf Sun Ras Heimatstadt Birmingham/Alabama, zu der er eine Hassliebe verspürte, nahm die ganze erste Seite der LP ein, ist neun Minuten länger und entstand bei einer Bandprobe in New York im September ´65, mit elf Musikern aus seinem sagenhaften Talent-Pool (Danny Davis, John Gilmore, Pat Patrick, Ronnie Boykins u. a.). Die drei übrigen Tracks gestalten zehn Spieler, während ihr Guru Sun Ra neben dem Klavier auch an einer Selmer Clavioline, einer elektrischen Celesta, Bass-Marimba sowie einer Sonnenharfe und einer Drachentrommel zu erleben ist. Die Reedition der LP enthält zudem zwei kurze Bonus-Tracks.


Karl Lippegaus