Bill Evans Trio: Another Time

Bill Evans suchte „von innen heraus die Songform zu erweitern“, ohne ihre äußeren Strukturen aufzugeben, was bei manchen Hörern den Eindruck erweckte, als würde sich kaum was verändern. Die vielen Evans-Fans hingegen scheinen es weiterhin zu schätzen, wenn Konzertdokumente wie dieses vom 22. Juni 1968 das Plattenwerk weiter aufstocken. Nur ein paar Monate spielte Jack DeJohnette – der nach Paul Motian vielleicht beste Evans-Drummer – auf Empfehlung des Bassisten Eddie Gomez mit. So schön und wichtig die letzte „Lost Tapes“-Veröffentlichung auf dem Resonance-Label war: Bei diesen MPS-Sessions war Jacks bahnbrechendes Spiel leider kaum noch hörbar in den Hintergrund gemischt.

Ihre Kommentare zu Bill Evans’ „Very Early“ verstecken Jack und Eddie gekonnt in den „fills“, den Lücken, die einer dem anderen lässt. Bill Evans mag als introvertiert gegolten haben, aber an guten Abenden entwickelte er einen wunderbaren Drive am Klavier, wobei sich hier eine gewisse Routine bemerkbar macht. Dem Beifall nach zu urteilen, haben nicht mehr als ca. 50 Leute das Trio in Hilversum erlebt. In „Who Can I Turn To“ spielt DeJohnette den Rhythmus nicht straight durch, sondern umtanzt wie später mit Keith Jarretts Trio die Melodie, bevor er, nur am großen Becken, leise das Tempo markiert.

Burt Bacharachs Titelmelodie zu dem (immer noch sehenswerten) Film „Alfie“, zu dem im Original Sonny Rollins die Musik beisteuerte, war für Evans wie geschaffen: Walzerrhythmus und jene bittere Süße, die viele seiner eigenen Stücke charakterisiert. Kein Ton wirkt überflüssig, kein Solo zu lang, alles exakt proportioniert. Der hölzern-trockene Basston prägt durchgängig Gershwins „Embraceable You“. Dass ein Gershwin zwölf Songs schreiben musste, um einen guten hinzukriegen, versöhnte den Perfektionisten Evans mit sich selbst.

Karl Lippegau