Michail Jurowski in Gohrisch

Schostakowitsch in Gohrisch: In dem sächsischen Kurort schrieb der Russe 1960 innerhalb von drei Tagen sein achtes Streichquartett, dieses gewissermaßen „autobiografische“, sein Leiden am Sowjetsozialismus beschreibende Werk, „die lebende Leiche der Musik“, wie William T. Vollmann es in seinem Roman „Europe Central“ nennt. Seit sieben Jahren richtet deshalb Gohrisch in Kooperation mit der Staatskapelle Dresden die Internationalen Schostakowitsch-Tage aus.

Mitschnitte aus Konzerten der Jahre 2010, 2012 und 2013 enthält vorliegende CD. Mit dabei natürlich das achte Streichquartett in der Orchesterfassung von Rudolf Barschai (die Schostakowitsch autorisiert hat). Michail Jurowski, dem Festival von Beginn an verbunden, gibt eine empathische, die Pathosformeln dieser Musik vehement ausreizende, mit kompakter Streichermasse aufwartende Darbietung. Dennoch: Barschais Einspielung mit dem Chamber Orchestra of Europe (DG 1989) sprüht mehr Gift und kommt damit dem Schostakowitsch-Ton näher.

Der „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ des Esten Arvo Pärt – auch er ein vom Sowjetregime Gemaßregelter – leidet hier ein wenig unter einem dicken, wolkigen Klang der Dresdner Staatskapelle und dem sehr gedehnten Tempo, das Jurowski ihm verordnet. Den Balkan-Folklorismus der Rhapsodie über Moldawische Themen von Mieczyslaw Weinberg, der unter Stalin inhaftiert war, treffen die Musiker indes sehr gut. Eine lohnende Bekanntschaft.

Höhepunkt der CD ist aber wohl Schostakowitschs Liederzyklus „Aus jüdischer Volkspoesie“ in der Orchesterfassung, der wegen des in der Stalin-Zeit herrschenden Antisemitismus lange Zeit nicht aufgeführt werden konnte. Zusammen mit drei russischen Solist(inn)en lassen Jurowski und die Dresdner ihn in seiner ganzen bewegenden Schönheit und mit seinem fast grenzenlosen Schmerz erstehen.

Andreas Friesenhagen