Bach: Französische Suiten; Vladimir Ashkenazy

Im Juli wurde Vladimir Ashkenazy 80 Jahre alt. Als Pianist hat er sich seit längerem vom Podium zurückgezogen, gelegentlich treibt es ihn noch ins Aufnahmestudio, im letzten Jahrzehnt überraschend oft mit Bach, darunter mit den Partiten und dem ersten Band des „Wohltemperierten Klaviers“.
Daher wundert es wenig, dass er nun die sechs Französischen Suiten folgen lässt. Wie auch bei den vorigen Einspielungen spielt Ashkenazy frei von Übertreibungen. Seine Tempi bewegen sich im moderaten Mittelfeld, nicht zu schleppend, nicht rasant um der Rasanz Willen. Seine Artikulation ist klar gegliedert, seine Sparsamkeit beim Pedal-Gebrauch wohltuend. Hier spielt jemand, der mit sich und der Welt im Reinen ist und der, mit reichlich Lebenserfahrung beschenkt, diese Werke wegen ihrer Wertigkeit der Musikwelt präsentiert, nicht um die eigene Karriere zu forcieren. Dieses unspektakuläre Klavierspiel, hat etwas Bekömmliches, Zeitloses.

Doch Ashkenazy kann mit dieser Produktion nicht für sich beanspruchen, in den Olymp der besten Bach-Interpreten vorzurücken. Aus der jüngsten Vergleichs­einspielung mit Murray Perahia etwa (DG) spricht dessen ungleich souveränerer Umgang mit Fragen der Phrasierung, der Gestaltung von Finessen bei Verzierungen, Trillern und der Markierung von Kontrasten. Ashkenazys Bach-Spiel wirkt, bei aller Gelöstheit, eine Spur zu glatt, die Gegensätze von Rundung und Akzentuierung bleiben vergleichsweise blass, das filigrane Spiel zwischen den verschiedenen Stimmen zu monochrom. Außerdem gibt es, wie in der fünften Suite, eine Reihe kleinerer, wohl unfreiwilliger Einebnungen und Unachtsamkeiten bei Läufen.
Die Integrität dieses Bach-Bekenntnisses steht außer Frage, doch gelingt es Ashkenazy zu selten, den tänzerischen, den munter-koketten oder kontrapunktisch reizvollen Miniatur-Charakter dieser Suiten pianistisch entsprechend abzubilden.

Christoph Vratz