The Illinois Jacquet Collection

Vierundvierzig teilweise versunkene Perlen aus der Schatulle des großen Illinois Jacquet in einer preiswerten Box. Sein heiß aufloderndes Tenorsaxofon dröhnte einst der stampfenden und röhrenden Horde Lionel Hamptons voraus, während ganze Stuhlreihen feuchtfröhlich zu Bruch gingen. Illinois Jacquet, den ich mal kurz backstage erleben durfte, hatte etwas von einem gefährlichen Kater: Vorsicht, bissig! Frech fauchte er mir erstmal entgegen: „The name is Jeckeee!“ Monsieur Jacquet hatte seine Gründe wütend zu sein, denn jenseits von Hamps Fanclub schien kaum jemand Notiz zu nehmen von ihm, und er wurde lange verkannt, ob mit Hampton oder Jazz at the Philharmonic, als eine Art Exhibitionist. Mit Count Basie oder dem Ben Webster Sextett, vor allem eigenen Bands blieb er ein „musicians’ musician“, dabei führt eine direkte Linie von seinem heiseren Gebrüll, in den Ohren fiepend wie ein orgiastisch explodierender Teekessel, zu den Überblas-Orgien der jungen Wilden, nämlich Ayler, Sanders und Brötzmann.

Illinois konnte hitzig werden und ein hard blowin’ praktizieren, nach dem man sich bei den vielen höflichen Akademikern heute bisweilen zurücksehnt. Als perfekter Performer wusste er genau, wie weit er das Spiel treiben konnte, ob auf der Bühne oder beim Drei-Minuten-Limit einer Jukebox-Scheibe. Der Kreole aus Broussard/Louisiana, Jahrgang 1922, machte Dutzende von Singles für Apollo, Savoy, Aladdin oder Clef, die hier in zwei CDs gepresst vorliegen, alle formvollendet und treffsicher auf den Punkt gespielt. Das Verzerrte war ja nur eine Facette, der spätere Hard Bop bezog sich auf diesen Vertreter der maskulinen Hawkins/Byas/Webster-Schule, wobei die Balladen zeigen, dass er wie alle harten Kerle tief drinnen ein verwundeter Romantiker war.

Karl Lippegaus