Alte Oper Frankfurt. Bild: Tibor Pluto
Alte Oper Frankfurt. Bild: Tibor Pluto

Ausgangspunkt Eroica

Musik als Bekenntniskunst: Das Musikfest Frankfurt setzt einen Schwer- und Ausgangspunkt bei Beethovens dritter Sinfonie.

Ludwig van Beethovens dritte Sinfonie, die „Eroica“, zählt aus verschiedenen Gründen zu den
Marksteinen der Musikgeschichte. Nicht zuletzt zeigt sie sinnbildlich, wie Komponist*innen
mittels ihrer Musik eine eigene Haltung zum Ausdruck bringen können. Vor allem dieser
Aspekt der „Eroica“ als Bekenntnismusik steht im Zentrum, wenn die Alte Oper Frankfurt von
Sonntag, 15., bis Sonntag, 29. September 2019, ihr diesjähriges Musikfest ausrichtet und
einlädt zu zahlreichen Konzerten, die den Bogen von Beethoven bis in die Gegenwart
spannen, zu Begegnungen mit anderen Kunstformen, zu Gesprächsformaten und zu einem
umfangreichen Rahmenprogramm.

Bereits zehn Tage vor dem eigentlichen Beginn des Musikfests führt das Gustav Mahler
Jugendorchester unter Herbert Blomstedt in die heroisch geprägten Klangwelten von
Beethovens dritter Sinfonie ein: Ihr Prolog zum Musikfest am 5. September, der zugleich in
die Europa-Kulturtage der Europäischen Zentralbank eingebettet ist, bringt eine
erste Begegnung mit dem Ausgangswerk des Musikfests. Auch bei der eigentlichen Eröffnung
des Musikfests (15. September) steht die „Eroica“ auf dem Programm – gespielt vom
Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Lorenzo Viotti. In zwei weiteren
Konzerten wird das Kernstück des Musikfests von entgegengesetzten Positionen aus
interpretiert: Das 2015 gegründete Stegreif.orchester verfolgt einen von extremer
künstlerischer Freiheit geprägten Musizieransatz. In seiner Deutung der „Eroica“ (22.
September) spielt die Improvisation eine zentrale Rolle – eine Improvisation, die das gesamte
Orchesterkollektiv einschließt. Möglichst nahe am Original zu bleiben, ist hingegen die
Maxime von Jordi Savall und seinem Orchester Le Concert des Nations, das die „Eroica“ auf
der Basis der Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis aufführt und mit
Originalinstrumenten den Klang zu Beethovens Zeit lebendig werden lässt (ebenfalls 22.
September).

Wie in den Vorjahren befasst sich auch das Musikfest 2019 mit dem kompositorischen
Umfeld, in dem das Ausgangswerk entstand. Dabei wird die „Eroica“ nicht nur im Kontext
weiterer Beethovenwerke betrachtet, sondern auch gezeigt, welche Werke Beethoven
unmittelbar beeinflussten. Sir András Schiff wählte für seinen Klavierabend am 19.
September (eine Kooperation mit den Frankfurter Bachkonzerten) unter anderem jene
Beethoven-Sonate op. 26, deren „Marcia funebre sulla morte d’un eroe“ unmittelbar auf den
ein Jahr später entstandenen Trauermarsch der „Eroica“ deutet. Das Publikum begegnet
Werken wie Beethovens Tripelkonzert (25. September), gespielt vom hr-Sinfonieorchester,
die in zeitlicher Nähe zur „Eroica“ entstanden, oder Musik von Beethoven, die auf ihre Weise
bekenntnishaft sind. Dazu zählen das vom Tetzlaff Quartett aufgeführte Streichquartett op.
132 (20. September) oder die Klaviersonate op. 13 „Pathétique“ (interpretiert von Kristian
Bezuidenhout am 27. September). Zum direkten Kontext der dritten Sinfonie gehört aber
auch die französische Revolutionsmusik, von der sich Beethoven nachweislich beeinflussen
ließ. Ein Nachkonzert am Eröffnungstag (15. September) befasst sich daher mit Musik aus
diesem Umfeld und mit Märschen bis hin zu Mauricio Kagel.

Etliche der Konzerte des Musikfests setzen sich mit dem Bekenntnishaften von Musik
auseinander: Gidon Kremer hat sich mit dem Regisseur Kirill Serebrennikov, der erst
unlängst aus seinem anderthalbjährigen Hausarrest in Moskau entlassen wurde, für ein
multimediales Projekt zusammengetan. Gemeinsam widmen sie sich dem Komponisten
Mieczysław Weinberg, dessen Schaffen sie in dem neu konzipierten Musik-Film-Projekt
„Chronicle of Current Events“ in den Kontext aktueller Ereignisse rücken (21. September).

Am selben Tag stellt das SWR Vokalensemble unter anderem mit Francis Poulencs Kantate „Figure humaine“ ein Werk vor, das die Härte des Kriegs verarbeitet und von der Hoffnung nach Freiheit kündet. Auf die Aktualität des Films „Die Stadt ohne Juden“ verweist Olga Neuwirths neue Musik zum Film (24. September). Auf dem Programm stehen auch Werke von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch, die mit einem persönlichen Statement verbunden sind – interpretiert vom SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis gemeinsam mit Nicolas Altstaedt, der zugleich in dieser Spielzeit Fokus-Künstler der Alten Oper ist (26. September). Eine kleine Reihe mit vier Nach(t)konzerten und Gespräch gibt darüber hinaus Einblicke in das Schaffen Mark Andres, eines Komponisten, dessen Musik immer Bekenntnis ist, persönliches wie religiöses.

Zur Tradition des Musikfests zählt die Spiegelung des Ausgangsthemas in anderen Genres und Künsten. So zeigen die Beiträge aus Jazz und Weltmusik eigene Blickwinkel zum Thema „Musik als Bekenntnis“. Der Jazzpianist Michael Wollny trifft diesmal auf den Stimm- und Sprachkünstler Alex Nowitz, um sich im Dialog mit ihm mit dem Thema „Helden“ zu befassen (19. September). Der britische Jazzkontrabassist Barry Guy stellt sein Projekt „The Blue Shroud“ vor, eine musikalische Auseinandersetzung mit Politik und der Macht von Bildern. Was Widerstand innerhalb von Musik bedeuten kann, zeigt der französische Sänger Manu Théron, der sich in seinem Schaffen auf die Tradition der okzitanischen Troubadoure bezieht (25. September). Mit zwei Produktionen beteiligt sich erneut das Künstlerhaus Mousonturm am Musikfest: Nuno Ramos’ Performance „Über die menschliche Natur“ (15. und 16. September) setzt sich anhand einer nachgestellten TV-Debatte zwischen Michel Foucoult und Noam Chomsky mit Protest und Macht auseinander. Und die Performance „Wild Life FM“ (19. und 20. September) beschäftigt sich mit dem Lebensgefühl junger Menschen, das sich in der Musik, die sie hören (und machen), niederschlägt.
Für Intendant Dr. Stephan Pauly ist diese Beschäftigung mit Verbindungslinien zu anderen Künsten und Genres nach wie vor einer der Motoren in der programmplanerischen Arbeit: „Manche Themen berühren uns weit über das Raster eines vorgegebenen Formats hinaus. Die Auseinandersetzung mit dem Bekenntnishaften von Kunst ist ein solch vielschichtiges, aktuell relevantes Thema, das uns noch über das Musikfest hinaus in der gesamten Spielzeit mehrmals wiederbegegnen wird. Ebenso bewusst haben wir diesmal unser Musikvermittlungsprogramm „PEGASUS – Musik erleben“ mit dem Musikfest verschränkt: Den Abschluss des Musikfests bildet ein großer Kindertag, der sich damit beschäftigt, wie mit Musik ‘erzählt‘ werden kann.“

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