Wenig Inspiration

Täuscht der Eindruck, oder fehlt Schu ­manns 1852 entstandenem Re ­quiem wirklich ein wenig die Inspi ­ra ­tion? Eine unkonventionelle Ver ­to ­nung der Totenmesse ist es jedenfalls, eine rätselhafte dazu: Warum vertonte der Protestant Schumann diesen erzkatholischen Text? Setzte er sich bewusst über so manche Requiem-Gepflogen ­heit hinweg, oder wusste er es nicht besser? Was im Ohr bleibt, ist die schlichte Innigkeit der Musik. Selbst von der apokalyptischen Vision des »Dies irae« ließ Schumann sich nicht aus der Re ­serve locken.

Flankiert wird das Requiem auf dieser CD von zwei ebenfalls zu Schu ­manns Spätwerk zählenden Chor ­stü ­cken, dem stimmungsvollen »Nachtlied« und der Ballade »Der Königssohn«, mit der Schumann nichts weniger als eine neue Gat ­tung kreierte. Den ­noch ein Werk, das man – wie das Requiem – heute kaum noch hört.

Georg Grün und seine südwestdeutschen Kräfte sind in ihrer Wiedergabe vor allem auf Klarheit der Diktion bedacht, der deklamatorischen und der musikalischen. Das gelingt ihnen auch recht gut, aber auf Kosten der Atmosphäre. So wirkt die Musik unterm Strich holzschnittartig und klanglich unflexibel. Das ist besonders schade bei der berührenden Orches ­tereinleitung zum »Nacht ­lied«, die überhaupt kein Geheimnis, keine nächtliche Stim ­mung vermittelt. Auch das Nachspiel zum vierten Balla ­den ­satz ist reichlich grobschlächtig geraten. Der Chor und die Solisten wissen zu überzeugen, wenngleich Christoph Prégardien, der die Rolle des Jünglings in der Ballade gestaltet, schon frischer geklungen hat.

Andreas Friesenhagen