Präzedenzfall

Nach den fanfarenhaften ersten Takten der Ouvertüre hören wir die Streicher geheimnisvoll murmeln, nur den Motivkopf der jeweiligen Stimmen im Fugato markant heraushebend. Es ist, als würde ein Boot   sanft durch die Strudel der Moldau gleiten und manchmal bloß kurz an einem Hindernis hängen bleiben. Farben, Farben, Farben, wie man sie selten hört, vom Chamber Orchestra of Europe bestrickend hingetupft. Doch als Landschaftsmaler ist Nikolaus Harnoncourt hier eigentlich nicht angetreten. Vielmehr wollte der jugendliche 82-Jährige in dieser Aufführung der »Sty ­riarte« von 2011, wie es seine Art ist, Smetanas »Verkaufte Braut« vor der Verharmlosung retten – hinein in eine seelische Land ­schaft ohne jede Idylle; in die Zeit, da auch in Mitteleuropa noch Frauen ­sper ­sonen mitleidslos an den Bestbieter verschachert wurden. So schlägt er denn im Laufe des Abends auch einen explosiven, harschen Ton an, sprüht aber vor allem den Firnis der Me ­lan ­cholie über das Ganze. Wie immer geht er an Grenzen: Schnelles wird sehr, sehr schnell, Langsames gelegentlich fast zu langsam (wie im Duett Jeník-Kecal), bleibt aber trotzdem grandios. Maries große Welt ­schmerz-Arie begleitet der Di ­rigent so einfühlsam, wie man es kaum je hört, und Dorothea Rösch ­mann porträtiert die Figur auch unglaublich berührend, mit runder, voller Stim ­me und einem Glitzern, das an Lucia Popp denken lässt.

Ein ungewöhnlich junger, agiler Kecal   ist Ruben Drole, ein Vasek ohne alle Klischees Markus Schäfer. Bloß Kurt Streit klingt als Jeník eher wie ein Charakter ­te ­nor; an Fritz Wunderlich (in der Auf ­nah ­me von 1962 unter Rudolf Kempe) darf man nicht denken. Sehr hoch besetzt die Compri ­mari. Vorgestellt wird erstmals überhaupt die im Prager Smetana-Museum aufgestöberte deutsche Fassung von Emanuel Züngel, die Smetana mit roter Tinte in seine Partitur eingetragen hatte. Die Kassette bietet die Produktion akustisch auf drei CDs sowie auch optisch auf einer DVD – die von Philipp Har ­non ­court betreute halbszenische Aufführung in einer restaurierten, pittoresken alten Jahr ­markt-Raupenbahn. Dank Nikolaus Harnoncourt ein Präze ­denz ­fall für künftige Interpretationen.

Gerhard Persché