Cecilia Bartoli

„Was ich singe, ist immer erstrangig“

Vom sonnigen Süden macht sich Cecilia Bartoli auf ins Reich von Väterchen Frost: „Russland“ ist das Thema ihres neuen Albums. Mit Kai Luehrs-Kaiser unterhielt sich die Diva über Landsleute, die im 18. Jahrhundert nach Russland kamen, einen Deal mit Valery Gergiev und den Kult, den sie jedes Mal wieder mit dem CD-Cover treibt.

Frau Bartoli, für Ihre neue CD „St Petersburg“ sind Sie in eine Gegend verreist, wo Sie noch nie waren. Die Frage ist zunächst: als Sopran – oder als Mezzosopran?
Diese Unterscheidung habe ich mir abgewöhnt. Im Barock gab es sie auch nicht. Noch bei Mozarts „Figaro“ werden Gräfin und Susanna, aber ebenso Cherubino und Marzellina als Sopran bezeichnet. Meine „St Petersburg“-CD enthält Musik eines ganzen Jahrhunderts. Auch dort gab es diese Begriffsunterscheidung nicht. Francesco Araja komponierte unter anderem für den durchreisenden Kastraten Carestini. Entscheidend ist für mich immer nur die Frage, ob es sich um eine Männer- oder um eine Frauen-Rolle handelt. Die erfordern eine unterschiedliche Vokalität.

Würden Sie so weit gehen, den Unterschied zwischen Sopran und Mezzosopran infrage zu stellen?
Ich würde einfach sagen, ich kann beides. Ich glaube, dass ich weder Sopran bin noch Mezzo-Sopran, sondern mit sehr elastischer Stimme singe. Mit Flexibilität. Mein Ziel und meine Lust an der Sache bestehen immer darin, mit der Stimme zu malen. Wie ein bildender Künstler. In diversen Stilen.

Angeblich war es nicht leicht, an das Material in St. Petersburg heranzukommen. War auch in diesem Fall Valery Gergiev der entscheidende Türöffner?
Ja, es ist immer Maestro Gergiev! Eigentlich eine lange Geschichte, denn ich hatte mir das Projekt schon lange in den Kopf gesetzt. Ich kannte die Namen der Komponisten und wusste um ihren Hintergrund. Nur konnte ich die Musik in Italien nicht finden. Es war einfach nicht heranzukommen. Verrückt. Und zum Archiv des Mariinsky-Theaters, wo ich die Sachen verzeichnet fand, wurde mir immer wieder der Zugang verwehrt. Das Archiv hatte einen Vertrag mit der Washington Library unterzeichnet. Die Signaturen waren gesperrt, zum Teil auch, um die Dokumente vor dem Zerfall zu schützen. Herausnehmen aus Russland durfte man sie sowieso nicht.

Womit haben Sie Gergiev überzeugt?
Es gab mehrere Treffen, bei denen ich Gergiev klarmachen konnte, dass diese Noten von entscheidender Bedeutung nicht für die italienische, sondern vor allem für die russische Oper sind. Denn sie sind der Beweis, dass die Oper in Russland nicht erst mit Mikhail Glinka losging, wie man immer annimmt. Sondern früher.

Wann genau?
Auf meiner Platte singe ich Werke von fünf Komponisten, die unter drei verschiedenen Zarinnen am russischen Hof gearbeitet haben. Und zwar unter Zarin Anna in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, unter Zarin Elisabeth Mitte des 18. Jahrhunderts und schließlich unter Katharina II., also Katharina der Großen, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zwischen den Komponisten gibt es große Unterschiede. Gemeinsam ist ihnen, dass sie tiefsinniger, melancholischer und in diesem Sinne seelenvoller komponierten als in ihrer eigenen Heimat. Sie haben den virtuosen Stil Italiens nicht einfach nach Russland importiert. So nehmen sie das vorweg, was man später als russische Seele bezeichnete. Schon im 18. Jahrhundert.

Francesco Araja stammte aus Neapel, Manfredini aus der Toskana und Hermann Friedrich Raupach aus Stralsund. Ist davon auszugehen, dass diese Komponisten beruflich weniger erfolgreich waren, als sie nach Petersburg gingen?
Ja und nein. Die Annahme, dass Araja, Manfredini und Raupach nicht zur ersten Garde gehörten, stimmt mit der Tatsache überein, dass zum Beispiel auch Nicola Porpora eingeladen wurde, nach Petersburg zu kommen. Er lehnte dies aber ab, denn er war bereits bekannt. Man muss bedenken, dass eine Reise nach Russland damals eine gefährliche und abenteuerliche Sache war. Das Land galt als Terra incognita. Andererseits wissen wir, dass Verdi – später im 19. Jahrhundert – seine „Forza del destino“ für Petersburg schrieb. Die Sache ist also nicht so einfach zu beantworten. Cimarosa wiederum, der nach Petersburg kam und auf unserem Album vertreten ist, war damals bereits ein sehr erfolgreicher, berühmter Komponist. Und kam trotzdem.

Die Frage ist ja eigentlich: Ist die Musik erstrangig – oder nicht?
Auch das sollte man nicht unbedacht und vorschnell beurteilen. Denken Sie nur daran, wie lange Händel unterbewertet war. Sagen wir es scherzhaft so: Was ich singe, ist immer erstklassig.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2014

Reingehört

Zugegeben, mein Schul-Russisch hätte nicht ausgereicht, um zu erraten, welche Sprache es nun ist, in welcher Cecilia Bartoli zwei der für den Petersburger Hof komponierten Titel im Original singt. Es ist Russisch. Ansonsten gibt es wiederum viel zu bewundern. Nicht nur im Hinblick auf die diesmaligen Barock-Trouvaillen. Sondern auch vokal. Die Stimme mag eine Spur „gelierter“ klingen als früher. Auch merkt man, dass in den tieferen Schichten der Archive die Luft qualitativ langsam dünner wird. Trotzdem: Ein Superalbum und ein schöner Coup für die letzte Assoluta unter den Musikforscherinnen, die übrigens in knapp zwei Jahren 50 wird und sich den aristokratischen weißen Pelzkragen, den sie auf dem Cover trägt, wohl gönnen darf.  

Musik

Klang

Cecilia Bartoli – St. Petersburg; Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Diego Fasolis (2014); Decca/Universal CD 00028947867678 (76’)

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„St. Petersburg“ auf Tour

22.10. Berlin, Konzerthaus
28.10. Köln, Philharmonie
10.11. Mannheim, Rosengarten
15.11. Baden-Baden, Festspielhaus
17.11. Essen, Philharmonie
19.11. Hamburg, Laeiszhalle
22.11. Regensburg, Aula der Universität/Audimax
26.11. München, Herkulessaal
28.11. Wien, Konzerthaus