Igor Levit

Der Triathlet

Der 28-jährige Deutschrusse Igor Levit gilt als einer der talentiertesten und reifsten Nachwuchspianisten. Jetzt hat er gleich drei monumentale Variationszyklen von Bach, Beethoven und Rzewski eingespielt. Mario-Felix Vogt war bei den Aufnahmen im Berliner Funkhaus Nalepastraße dabei.

Wer sich in die Nalepastraße im Berliner Stadtteil Oberschöneweide begibt, der macht eine Zeitreise. Ein 50er-Jahre-Ambiente in Reinkultur erwartet den Besucher in den Gebäuden des ehemaligen DDR-Rundfunks, entworfen vom Bauhaus-Architekten Franz Ehrlich. Von außen wirken die Bauten eher unscheinbar, doch im Inneren empfangen den Besucher großzügige Foyers mit Freitreppen, repräsentative Säulen und ein Boden aus Saalburger Marmor, der zum Teil aus der zerstörten Reichskanzlei stammt. Von 1956 bis 1990 sendeten von hier aus alle überregionalen Radiosender des sozialistischen Deutschlands, über 5.000 Menschen waren in dem bis heute weltweit größten Studiokomplex beschäftigt, der zu DDR-Zeiten eine eigene kleine Stadt bildete: Eisdiele, Zahnarzt, Friseur, sogar eine eigene Poliklinik gab es vor Ort. Nach der Wende wurden bis 1993 noch einzelne Programme aus der Nalepastraße durch den Äther geschickt, danach begann eine wechselvolle Geschichte mit verschiedenen Investoren, die sich zu wenig um die Gebäude kümmerten, so- dass diese zum Teil ziemlich verwahrlosten. Igor Levit und ich konnten dies unmittelbar erleben, als wir uns auf die verschlissenen Sessel im Foyer setzten und sogleich eine morsche Armlehne zu Boden segelte.

Wäre der deutsch-russische Pianist ein Sportler, so wäre er ein Triathlet, hat er sich doch gleich drei monumentale Variationszyklen vorgenommen: Bachs „Goldberg-Variationen“, Beethovens „Diabelli-Variationen“ und „The People United Will Never Be Defeated!“ (zu Deutsch: Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden!), 36 Variationen des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski (*1938) über ein chilenisches Revolutionslied. 


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Reingehört

Igor Levits Deutung der „Goldberg-Variationen“ halten den Vergleich mit Gould, Anderszewski oder Perahia nicht aus, da er zu sehr auf einen gleichförmigen Legato-Schönklang setzt und insbesondere die Tanzsätze des Zyklus zu wenig profiliert. Auch in den „Diabelli-Variationen“ kann er trotz brillanter Pianistik nicht durchgängig überzeugen, da er Beethovens Ausdrucksextreme eher einebnet und die ruhigeren Sätze bisweilen durch zu rasche Tempi gefährdet. Ganz anders die Situation im Rzewski-Zyklus. Hier meistert Levit nicht nur die halsbrecherischen Passagen souverän, sondern weiß sich auch in den verschiedenen Stilen mit einer breiten klangfarblichen Palette souverän zu bewegen.

Musik

Klang

Bach, Goldberg-Variationen; Beethoven, Diabelli-Variationen; Rzewski, The People United Will Never Be Defeated!; Igor Levit (2015); Sony 3 CD 88875060962

Einen hochauflösenden Download (96 kHz/24 Bit) des Albums finden Sie bei Quobuz unter Opens external link in new windowwww.qobuz.com


CD-Tipp

Beethoven, Klaviersonaten Nr. 28-32; Igor Levit (2012); Sony 2 CD 888837038720
Bezaubernd lyrisch-zart der Kopfsatz von op. 110, zupackend das Finale der „Hammerklaviersonate“.

Konzerte

17.10. Bremen, Glocke
03.11. Düsseldorf, Tonhalle
11.11. Berlin, Philharmonie
13.11. Weiden, Max-Reger-Halle
15.11. München, Prinzregententheater
01.12. Düsseldorf, Tonhalle
22.12. Düsseldorf, Tonhalle

Mehr zum Künstler

Einen früheren Beitrag zu Igor Levit finden Sie in FF 8/13 in unserem Opens internal link in current windowOnline-Archiv.