Ivor Bolton

Die besten Jahre kommen jetzt
Der Dirigent Ivor Bolton über den unbekannten  Fauré, seinen Ruf als  Barockspezialist und die Tücken von Neueditionen.

Von Arnt Cobbers

Bekannt wurde er hierzulande durch die vielen Barockopern, die er an der Bayerischen Staatsoper dirigiert hat. Doch der 60-jährige Ivor Bolton aus dem nordenglischen Blackburn ist längst zum Allrounder gereift. 14 Jahre lang war er Chefdirigent des Mozarteum-Orchesters in Salzburg. Er ist seit 2012 Chefdirigent des Dresdner Festspielorchesters, Musikdirektor des Teatro Real in Madrid seit 2015 und seit 2016 als Nachfolger von Dennis Russell Davies Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel. Nach zwei Jahren wurde bereits sein Vertrag um fünf Jahre bis 2025 verlängert.
Beim Treffen in einer Hotellobby in Dresden erweist sich Bolton als unkompliziert. Er spricht, typisch britisch, schnell und kurzatmig-haspelnd. Und er kommt, einmal warm geworden, vom Hölzken aufs Stöcksken und untermalt seine Erzählungen und Kommentare mit fröhlichem Lachen.

Mr. Bolton, was reizt Sie an Fauré?
Von Fauré kennt man nur das Requiem, ein Klavierquintett und einige Lieder, die harmonisch eher unschuldig daherkommen. Aber es gibt mehr zu entdecken. Seine Werke für Klavier solo sind zum Teil sehr schön, von denen habe ich früher einige mit viel Freude gespielt. Deshalb wollte ich mich schon lange näher mit ihm beschäftigen. Freunde stießen mich auf die Bühnenmusik, die völlig unterschätzt ist. Und nun ergab sich die Möglichkeit, Fauré aufzunehmen. Wir haben letztes Jahr die erste CD eingespielt, die jetzt herauskommt, und vor kurzem die zweite. Dann wird noch eine dritte mit dem Requiem folgen. Das sind alles keine Ersteinspielungen, aber die Werke sind nicht oft aufgenommen worden. „Mélisande’s Song“, erstaunlicherweise englisch im Original, ist sehr stark in der Atmosphäre und sehr minimalistisch orchestriert. Es gibt im „Shylock“ ein Nocturne für Streicher, das haben wir schon mehrfach als Zugabe gespielt – alle fanden es wunderschön und niemand wusste, was es ist. Da gibt es Schätze zu entdecken. Fauré war vielleicht kein Meister der großen Form, aber zum Beispiel das Vorspiel zur Oper „Pénélope“ ist sehr schön, wagnerianisch, reich orchestriert.

Es gibt verschiedene Orchestrierungen der Lieder.
Ja, wir mussten eine Wahl treffen. Fauré hat immer wieder Stücke überarbeitet. Er hatte manchmal zu wenig Zeit, er hat vieles recycelt. Und soweit ich weiß, war er auch ziemlich bescheiden und manchmal unsicher, wenn er kritisiert wurde. Er hat befreundeten Kollegen vertraut, wenn sie ihm Arbeit mit der Orchestrierung abgenommen haben, wie Charles Koechlin bei den Liedern. Aber ich finde auch seine eigenen Orchestrierungen sehr gut.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2018

Aktuelle CD

Ivor Bolton - The Secret Fauré
Caligula, Prélude aus Pénélope, Lieder für Sopran und Orchester, Shylock, Pelléas et Mélisande;
Olga Peretyatko, Benjamin Bruns,
Balthasar-Neumann-Chor,
Sinfonieorchester Basel,
Ivor Bolton (2017);
Sony Classical