Wir ahnen hier bereits, was Tschaikowsky bei Mendelssohn gelernt hat. Die Musik wirkt insgesamt plastischer, was allerdings auch an den fabelhaften Bläsern liegen mag. Die Potsdamer Kammerakademie spielt individueller, man spürt im Klang den einzelnen Menschen. Der Potsdamer Streicherkörper ist nur halb so umfangreich wie der Londoner, was den Klang ebenfalls belebt. An Feinzeichnung stehen die Potsdamer den Londonern in nichts nach, und da die Aufnahmetechnik das alles staunenswert präsent erfasst hat, gewinnt Mendelssohn hier noch deutlich an Farbkraft.

Schon Manacordas Schubert-Zyklus hatte aufhorchen lassen. Nun folgt aus Potsdam also ein überzeugendes Plädoyer für den oft unterschätzten Sinfoniker Mendelssohn. Zwölfmal hatte dieser mit dem kleinen Streichorchester geübt, bevor er fünfzehnjährig – vermutlich zum Geburtstag seiner Schwester Fanny – im Jahr 1824 seine erste Sinfonie in c-Moll aufführte. Bei Gardiner spürt man, wo es herkommt: von Mozart. Und bei Manacorda, wo es hingeht. Der Lustgewinn bei den hellwachen Potsdamern liegt darin, dass man dem Geschehen mit höchstem Interesse folgt, und zwar einem rein musikalischen Geschehen. Der erste Satz ist selbstbewusster Sturm und Drang, Florestan und Eusebius in der Brust, und doch ganz anders als bei Schumann. Das Andante – wiederum wesentlich langsamer als bei Gardiner – ein Weben voller Wunder, das Menuett eine Vorahnung Bruckner’scher Scherzi. Und das Finale ein frecher Geniestreich samt Fugato-Einschub, doch ohne die Vermessenheit, an die Jupiter-Sinfonie anzuknüpfen.

Wer gedacht hat, nach Abbados wunderbarem Zyklus sei in Sachen Mendelssohn-Sinfonik nichts mehr zu erwarten, wird die Potsdamer Aufnahmen mit besonderer Freude hören

Bernd Feuchtner