Der Opener lässt viel vom Geist des legendären zweiten Miles-Davis-Quintetts verströmen. Trotz des gewichtigen Titels „Life And Death“ schwebt diese mit Dämpfer gespielte Trompete wie durch einen schwerelosen Raum. Alles hängt wie an dünnen Silberfäden, ein Gesang, der wie aus dem Nichts kommt, steigt auf wie Weihrauch.

Eine Elegie ist ein Klagelied, das ist der Leitfaden durch dieses ungewöhnliche Album, mit dem der israelische Jazztrompeter Avishai Cohen die Erinnerung an den toten Vater beschwört. Cohen ist ein großer Musiker, der mit diesem letzten Gruß mehr als nur Trauer über einen Verlust artikuliert. Sein Album „Into The Silence“ durchquert komplexe Gefühlswelten. Die Großeltern stammten aus Polen, und Avishais Vater hatte sich immer gewünscht, Musikunterricht zu bekommen, wofür seinen Eltern jedoch die Mittel fehlten. Diesen Unterricht bekamen seine drei Kinder, aus denen herausragende Jazzmusiker wurden: Youval (Saxofon), Anat (Klarinette) und als Jüngster Avishai, der schon ab seinem zwölften Lebensjahr mit den beiden anderen Charlie-Parker-Soli nachspielte. Der Italiener Enrico Rava nennt ihn heute als seinen Lieblingstrompeter.

Als sein Vater nur noch wenige Wochen zu leben hatte, hörte Avishai viel die Klavierstücke Rachmaninows sowie Eric Dolphys Meilenstein „Out To Lunch“. Seine Musik auf „Into The Silence“ klingt anders, aber das waren die Inspirationsquellen. Keiner der Musiker, nicht mal er selbst, hatte die Kompositionen gehört, bevor man ins Studio ging. Mit jedem – Bill McHenry (ts), Yonathan Avishai (p), Eric Revis (b) und Nasheet Waits (dr) – hatte er vorher gelegentlich gearbeitet, aber noch nie in dieser Gesamtformation. Das sensible und mutige Vortasten kommt dem Kontemplativen der sechs Kompositionen höchst entgegen. Cohens Faustregel, möglichst nicht mehr als zwei, drei Takes von einem Stück aufzunehmen, sorgt für Präzision im Umgang mit Gefühlen wie unter Live-Bedingungen.


Karl Lippegaus