Carus ist für seine durchweg sehr sorgfältigen, aber unaufgeregten Produktionen bekannt, und die vorliegende ist wieder solch eine, die einem sehr lieb – das bedeutet das lateinische „carus“ ja – ist, gerade weil sie so unspektakulär auftritt. Hier stimmt schon äußerlich alles: Das Beiheft ist professionell redigiert und bietet ohne Schnickschnack alle Informationen, die man braucht; die Aufnahmetechnik wird sowohl der Musik als auch den Musikern gerecht; das Programm bietet Abwechslung, ohne auf eine gedankliche Klammer zu verzichten.

Noch wichtiger ist indes die künstlerische Seite, und auch hier trifft die saloppe Formulierung „ohne Schnickschnack“ den Kern der Sache. Dorothee Mields und das L’Orfeo Barockorchester unter Leitung von Michi Gaigg trumpfen nicht auf und sind nicht so laut, hart und schnell, wie das heute in der Alten Musik immer üblicher wird, sondern machen – um es einmal zu untertreiben – einfach nur gute Musik. Selbstverständlich steckt mehr dahinter, nämlich einerseits eine vokal- und ins­trumentaltechnische Souveränität, die den hohen Anforderungen von Bachs Kompositionen spielend gewachsen ist, dies aber nicht selbstverliebt demonstrieren muss, andererseits eine Hingabe an die Musik, die nicht erdrückend, sondern von hohem Respekt gekennzeichnet ist. So entfaltet die Weimarer Kantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ ihren Reichtum an Affekten und Klangfarben in perfekter Dosierung, so werden die etwas heterogenen Teile der moralischen Kantate „Ich bin in mir vergnügt“ zu einem organischen Ganzen verbunden.

Aus der erst 2005 entdeckten Arie „Alles mit Gott“ wählen Mields und Gaigg vier Strophen aus (alle zwölf Strophen würden in Bachs Vertonung fast 50 Minuten dauern); dabei hält nicht nur die Sopranistin mit ihrer klugen Deklamation, sondern auch die Konzertmeisterin mit ihrer sehr behutsamen Instrumentierung des Ritornells den Hörer gut bei der Stange.

Matthias Hengelbrock