Aus Sicht des Berlin Piano Quartet ist Brahms kein Wohlfühlkomponist, eher ein Radikaler. Die drei Streicher aus den Reihen der Berliner Philharmoniker, die sich vor etwas über einem Jahr mit Pianistin Kim Barbier zu diesem Ensemble zusammengefunden haben, geben das Klavierquartett Nr. 1 des Hanseaten mit einer nicht zu überhörenden Heftigkeit, sehr expressiv, wenn nicht gar expressionistisch. Ein Eindruck, der nicht zuletzt durch den herben, kantigen Klang des Ensembles hervorgerufen wird, der manchmal auch grell sein kann. Es geht den Musikern offenbar nicht um schöne Töne, ein paar Unsauberkeiten in der Intonation inbegriffen.

Im Andante gelingen ihnen die rhythmischen, entfernt an Militärisches erinnernden Abschnitte in ihrer fast kompromisslosen Härte am überzeugendsten. Auch in diesem Satz werden die Hoffnungen auf eine lyrische Insel, einen Ort der Entspannung nicht erfüllt. Ungestüm und mit einer gewissen, nicht ganz unpassenden Derbheit dann das Zingaresa-Finale, mit einer frenetischen Stretta zum Schluss.

Das wunderbare erste Klavierquartett von Fauré, eine seiner meistgespielten Kammermusikpartituren, profitiert vom strengen Zugriff der Berliner. Ihm wächst eine „deutsch“ anmutende Schwere zu, die das Werk aber glänzend verkraftet. Eleganter haben freilich Éric Le Sage und seine Partner (Alpha) das leichtfüßige Scherzo hinbekommen, und das Adagio ist bei den Franzosen von einer Feinheit und Delika-
tesse, die vom Berlin Piano Quartet nicht erreicht wird. Dennoch eine ansprechende Wiedergabe.

Schnittkes einsätziges Klavierquartett über Mahlers Jugendwerk für dieselbe Besetzung ist ein Monument der Dekonstruktion und in seinem unbequemen, bohrenden Gestus bei den Berlinern in guten Händen.

Andreas Friesenhagen