Einer der Komponisten, deren Werk seit einiger Zeit aus dem Orkus des Vergessens zurückgeholt wird, ist der 1919 in Warschau geborene Mieczyslaw Weinberg, der 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen in die UdSSR flüchtete. Sein Werk, darunter sieben Opern, wurde im Westen totgeschwiegen, womöglich wegen der ästhetischen Zwänge, die von jenen Missionaren ausgeübt wurden, denen die Symbiose des (Material-) Fortschritts mit einer melodiensatten, romantischen und meisterhaft instrumentierten Musik unvereinbar schien. Aber genau ob dieser Qualitäten fand die im Januar 2014 in Mannheim unter Leitung von Thomas Sanderling mit 27-jähriger Verspätung uraufgeführte Weinberg-Oper „Der Idiot“ weithin enthusiastischen Beifall.

Der Mitschnitt der Aufführung kann den überwältigenden Eindruck der Aufführung nur bedingt beglaubigen. Allein auf der Klangbühne geht die theatralische Dimension des Stücks allerdings weitgehend verloren. Der Hörer müsste zum einen des Russischen kundig sein und zum andern den Text (musik-)lesend verfolgen, um das Seelendrama des Fürsten Myshkin verfolgen zu können, der als Gottesnarr – die Figur hat Mussorgsky im „Boris“ vorgeprägt – um das Heil der „vom Wege abgekommenen“ Nastassja gegen seinen dämonischen Widersacher Ragoschin kämpft. Zwar sind die beiden Hauptpartien mit dem Tenor Juhan Tralla und der Sopranistin Ludmilla Slepneva vorzüglich besetzt, aber über weite Strecken ist man von den Sängern der „zweiten“ Partien einem eher spröden Sprechgesang ausgesetzt, durch den die Figuren auf der Klangbühne keine Gestalt annehmen. Das leidenschaftliche Engagement der Beteiligten, insbesondere des Orchesters und des Dirigenten, ist spürbar, nicht selten auch der Kampf gegen den expressiven „Widerstand“ der Musik. Diese Aufnahme ist nichts für die Bequemlichkeit des easy listening. Aber warum sollte der Hörer, der ein fesselndes Werk kennenlernen möchte, sich weniger anstrengen als die Aufführenden?

Jürgen Kesting