Keine Plattenfirma hat sich so sehr um die Pflege der deutschen Barockmusik vor Bach verdient gemacht wie das belgische Label Ricercar. 1980 von dem Musikwissenschaftler, Tontechniker und Rundfunkmoderator Jérôme Lejeune gegründet, ließ es bereits 1982 Philippe Herreweghe und das Collegium vocale Gent eine CD mit Motetten von Johann, Johann Christoph und Johann Michael Bach aufnehmen, die 1990 von Eric Van Nevel und der Capella Sancti Michaelis fortgesetzt wurde. Die Aufmachung dieser beiden CDs wirkte noch sehr laienhaft, um nicht zu sagen: schludrig, aber die musikalische Seite war schon damals von einer besonderen Hingabe und Versenkung in die mitteldeutsch-protestantische Geisteswelt geprägt. Schienen damit sämtliche Motetten von Bachs Großonkel Johann und seinen beiden Onkeln zweiten Grades, nämlich Johann Christoph und Johann Michael, aufgenommen zu sein, so tauchten vor einigen Jahren im Kiewer Staatsarchiv 17 weitere Werke dieser Komponisten auf – Anlass genug für eine neue Gesamtaufnahme, diesmal mit Lionel Meunier und seiner Vox Luminis.

Nicht nur die Präsentation von Cover und Booklet hat sich gewaltig verbessert; auch in der Interpretation ist noch ein Zugewinn an technischer Souveränität, klanglicher Homogenität und musikalischer Intensität zu verzeichnen. Meunier führt die Motetten überwiegend solistisch, nur in Einzelfällen mit zwei Sängern pro Stimme auf und schafft dadurch ein sowohl sehr transparentes als auch rhetorisch genau fokussiertes Klangbild. Ob die Stücke nun für Begräbnisse, für die Passions- oder die Weihnachtszeit gedacht sind, stets handelt es sich dabei um Werke seelsorglichen Zuspruchs, und diese Funktion kommt in der vorliegenden Produktion bestens zur Geltung. Neben der vorzüglichen Interpretation macht der auch theologisch kundige Kommentar aus Lejeunes eigener Feder deutlich, wie sehr der Produzent und die Musiker sich in dieser musikalischen Welt zu Hause fühlen.

Matthias Hengelbrock